Aus Paula Grimms Federmäppchen: Orca: Zeit der Schatten: 02. Am Anfang war ein Schla g

Guten Tag Ihr Lieben,

wie fängt man damit an Lesern und Autorenkollegen Einblicke in das eigene Federmäppchen zu geben, nachdem im ersten Artikel eine kleine Skizze über die Serie, aus Paula Grimms Federmäppchen geplaudert, aufgezeigt wurde? Ich habe mich dazu entschieden, Euch die Szene, die den Ausgangspunkt für den Roman Orca: Zeit der Schatten bildete, in ihrer endgültigen Version als Auftakt zu präsentieren.

Die Szene entstand im Jahr 1998 und war das Ergebnis einer kreativen Auseinandersetzung mit einem Konflikt, den meine älteste Schwester mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn, der der Jüngste ihrer Kinder ist, hatte. Allerdings wurde in dem Konflikt, den ich in meiner Familie beobachtete, Gott sei Dank nicht geschlagen. Die Szene war also von Anfang an eine überspitzte Darstellung.

Nachdem ich diese Szene als Vorlage für eine Kurzgeschichte aufgeschrieben hatte, ließ ich sie etwa vier Monate unbeachtet auf der Festplatte meines Notebooks. Als ich sie schließlich noch einmal las, hatte ich zunächst nur das unbestimmte Gefühl, dass das nicht alles sein konnte. Und da die Beteiligten in der Urfassung noch nicht einmal Namen hatten, sprangen mich nach der Lektüre die Namen an. So wurde aus dem sehr großgeratenen Mädchen, das ich im Sinn hatte, Amanda, aus ihrer Mutter Regina, aus der jüngeren Schwester Rika und aus dem Nesthaken, der er im Roman nicht blieb, Dian. Und die Namen erwiesen sich augenblicklich als Schlüssel. Denn Amanda bekam ein Gesicht, ein verbranntes Gesicht und vieles mehr.

Hier kommt jetzt erst einmal die Kurzfassung des Romans in Gestalt des Klappentexts, bevor dann die erste Szene des Romans folgt. KLAPPENTEXT

Sie heißt Amanda Swantje Raufer. Aber die Menschen, die sie lieben und schätzen, nennen sie Nixe oder Orca. Denn das Wasser ist ihr Element, und sie verfügt nicht nur körperlich über Größe und Kraft. Amanda verfügt über die Fähigkeit sich durch alltägliche Tätigkeiten zu erden und gewinnt ihre Energie aus dem Strom, gegen den sie schwimmt. Aber reichen ihre eigenen Fähigkeiten und die Zuneigung ihrer Lieben aus, um den Schatten, die ein Familiengeheimnis, ein Todesfall und die Folgen einer schweren Verbrennung auf ihr Leben werfen, zu überleben? Amandas Geschichte handelt davon, wie sich unterschiedliche Schrecken suchen, finden und miteinander verknüpfen aber auch von Treue, Verständnis, Liebe und Mut.

„Nach dem Mittagessen am Palmsonntag sitzen Amanda und Rika in ihrem Zimmer. Rika bastelt eine Geburtstagskarte. Und Amanda liest. Dian lungert im Wohnzimmer herum. Er langweilt sich absichtlich, um auf dumme Gedanken zu kommen. Schließlich rennt er die Treppe hin- auf, reißt die Tür zu Reginas Arbeitszimmer auf und brüllt: „Guck mal, Mama, was die Rika gemacht hat. Sie hat Papas Lieblings-CD von den drei Tenören in vier Stücke gebrochen!“ – „Hier kann man noch nicht mal in Ruhe telefonieren!“ Beide kommen die Treppe heruntergerannt.
Noch mit dem Telefon in der Hand stürzt Regina in Amandas und Ri- kas Zimmer und schlägt Rika ins Gesicht. Amanda fühlt den Schlag, als sei sie es, die geschlagen wird. Amanda springt auf und schlägt Regina mit ihrer Linken, mit ihrer Arbeitshand, ebenfalls mitten ins Gesicht. Ihr Gegenschlag bringt Amanda schlagartig zu Bewusstsein, dass sie noch nie hat mit ansehen müssen, wie Regina Rika geschlagen hat. Aber das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Regina ihre Hand noch nie gegen Rika erhoben hat. Amanda weiß in diesem Moment natürlich wieder, wie es ist, wenn Regina schlägt. Als sie früher Amanda geschlagen hat, hat sie es nie bei einem Schlag bewenden lassen. Das ist lange her, aber nicht lange genug, um in Vergessenheit geraten zu sein. Seit Amanda aus der Klinik für Verbrennungsopfer zurückgekommen ist, hat Regina sie nicht mehr angefasst und auch nicht mehr geschlagen. 85
Zunächst stehen sich Regina und Amanda nach dem Schlagabtausch wie angewurzelt gegenüber. Es ist nicht das erste Mal, dass sie einander gegenüberstehen und dass Amanda dabei den Eindruck hat, als ob sie ihre Mutter zum ersten Mal sieht. Aber diesmal ist es keine der Fremdhei- ten, die sich zwischen Müttern und Töchtern einstellen können. Sie ste- hen sich nicht als Mutter und Tochter gegenüber. Zum ersten Mal springt das Schloss der Kette auf, die sie auf Gedeih und Verderb als Mutter und Tochter aneinander fesselt. Regina bemerkt nichts. Sie denkt wahrschein- lich über eine Strafe nach oder ist mit etwas ganz anderem beschäftigt. Es ist eine Chance. Amanda streckt Regina ihre linke Hand entgegen. Damit sollen sich ihre linke und Reginas rechte Hand versöhnen können. Regina reagiert nicht. Wahrscheinlich hat sie einfach immer noch nichts bemerkt. Darum spricht Amanda sie an: „Es tut mir wirklich leid, was passiert ist. Ich wusste aber in diesem Augenblick nicht, ob es mit deinem einen Schlag zu Ende sein würde. Schließlich stand Dian auch noch triumphie- rend bei dir.“ Regina reagiert immer noch nicht. Amanda zieht ihre Hand zurück und steckt beide Hände in die Hosentaschen.
Plötzlich zittert Regina. Es ist keine Angst. Es ist eine Mischung aus Zorn und gekränkter Eitelkeit. „Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!“
Da schnappen die Schlösser der Kette augenblicklich wieder zu. „Und was wird aus einer Hand, die sich gegen ein unschuldiges Kind erhebt?“ Regina gibt keine Antwort und wendet sich ab, um nach oben in ihr Ar- beitszimmer zu gehen und mit Bernulf zu telefonieren, der wenig später von einem Besuch bei seinen Eltern zurückkommt.
Er kommt direkt in die Küche, wo Amanda auf ihrem Platz sitzt und Cola trinkt. Er zündet sich in aller Ruhe eine Zigarette an. Amanda will aufstehen, um einfach wegzugehen. „Bleib gefälligst sitzen!“
Amanda gehorcht, denn sie nimmt ganz plötzlich etwas wahr, das nicht in diese Küche und in diese Zeit gehört, das aber über eine Echtheit und Deutlichkeit verfügt, die sie nicht einfach ignorieren kann, und für das es unwichtig ist, wann und wo es sich Bahn brechen kann. Es riecht nach Keller. Und Amanda hört die stampfenden Geräusche der Maschinen der Schlosserei, wie sie sie früher in dem Haus in Hinterwall gehört hatte. Dann ist es stiller, und sie hört nur das Summen einer Kamera. So plötz- lich wie die Eindrücke auf sie einstürzen, so plötzlich sind sie auch wieder verschwunden.
„Dass du jetzt schon deine Mutter schlägst, geht wirklich zu weit!“ – „Regina hat Rika geschlagen, obwohl die gar nix gemacht hat, das geht 86
doch wohl auch zu weit, oder?“ – „Das geht dich nichts an!“ – „Die Rika ist meine kleine Schwester. Ich pass doch nur so gut es geht auf sie auf.“ Amanda steht vorsichtshalber auf und lässt Bernulf nicht aus den Augen.
„Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!“ – „Und was wird aus der Hand, die sich gegen ein unschuldiges Kind erhebt?“
Amanda ballt ihre linke Faust und betrachtet sie, als erwarte sie, dass sie langsam versteinern würde und abfallen müsste. Aber auch, als Bernulf auf ihre linke Faust starrt, ändert sich nichts. Denn die Hand, die zur Faust geballt ist, bleibt, was sie ist, eine Hand, die zur Faust geballt ist.
„Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!“ Als Bernulf das noch einmal sagt, hat seine Stimme einen leicht bittenden Unterton.
„Was regst du dich denn so darüber auf? Halt dich doch einfach raus. Ihr ist doch sowieso nichts passiert, außer, dass sie ein blaues Auge hat. Ich stand ja im falschen Winkel und es war ja mehr so’n Reflex. Wie sagen die Erwachsenen immer? – Die Hand ist ausgerutscht!“ – „Jetzt bist du wohl auch noch stolz darauf und ärgerst dich, nicht noch mehr angerich- tet zu haben!“ – „Nee, ich bin überhaupt nicht stolz darauf, und ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist, gerade der Rika!“ – „Warum entschul- digst du dich dann nicht einfach anständig bei deiner Mutter?“ – „Ich werd mich bei ihr entschuldigen, aber erst, wenn sie sich bei der Rika entschuldigt.“ – „Auch noch Bedingungen stellen!“ – „Ich will bloß nicht, dass es für die Regierung, Rika, Dian und dich so aussieht, als ob ich das in Ordnung finde, was Regina getan hat, wenn ich mich entschuldige, ohne dass Regina sich vorher bei der Rika entschuldigt, sieht es doch so aus, als ob Regina Rika zu recht geschlagen hat.“ – „Es hat keinen Zweck, mit dir vernünftig reden zu wollen. Hau ab! Und komm mir heute nicht mehr unter die Augen!“ – „Das mach ich doch immer gern. Ich hab sowie- so ’ne Verabredung!“ – „Mit wem denn?“ – „Mit dem, den du totgesagt hast, und der hoffentlich deshalb richtig viel länger lebt!“
Als Amanda aus der Küche geht, ruft Bernulf ihr noch nach: „Aber für dich lass ich mir noch was einfallen!“
Amanda zieht sich eilig die Inlineausrüstung an, gibt ordentlich Fersen- geld und fährt einen Umweg bis zu Charlottes Café.“
Die Schilderung dieses Erlebnisses ist zwar der Ausgangspunkt für den Roman. Aber die Schilderung hat sich im Verlauf der Zeit nicht nur bezogen auf die Namen geändert. So war die Beschreibung ursprünglich in der Vergangenheitsform und nicht wie in der Endfassung im Präsenz geschrieben. Der Grund dafür ist, dass ich diejenigen Erlebnisse, die sich Amanda immer wieder in Erinnerung rufen und sich auf diese Weise im wahrsten Sinne des Wortes vergegenwärtigen im Präsenz darstelle. Und dieses Ereignis zählt dazu.

Und gewandert ist diese Szene in den letzten 17 Jahren auch. In der endgültigen Fassung findet Ihr sie im neunten Kapitel, dessen Titel, der Todesfall des Froschkönigs, lautet. Bezogen auf meine Arbeit ist sie trotz der Wandlungen, die sie erfahren hat, und obwohl es seine Zeit gedauert hat, bis ich für sie den endgültigen Platz gefunden hatte, die wichtigste Szene. Auch in der Geschichte ist sie sehr bedeutsam. Allerdings bezeichne ich sie bezogen auf den Plot nicht als die wichtigste Szene. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass alle Passagen, die im Präsenz geschrieben sind, wichtig für den Roman sind, dass es aber keine Hierarchie unter ihnen gibt.

Dieser Schlagabtausch ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie sehr es sich lohnen kann, Texte einfach einige Zeit liegen zu lassen und später der Intuition zu folgen, indem man sie wieder aufgreift und nach Gefühl und nach bestem Wissen und Gewissen verändert.

Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit. Und inzwischen finden Autoren, Journalisten und Leser die Regel wichtig, dass auch Romane in einem Zug geschrieben und entsprechend auch gelesen werden sollen. Vier aber höchstens sechs Monate lautet die Devise bei vielen lesenden und schreibenden Zeitgenossen. Warum das mit Orca: Zeit der Schatten, so lange gedauert hat, warum mich das nicht stört, und was das meiner Ansicht nach für die Leser bedeutet, davon handelt der nächste Artikel.

Wer sich für Orca: Zeit der Schatten, interessiert, findet alle Daten unter https://texthaseonline.com/bucher-von-paula-grimm/.

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
PS: Ihr findet mich mit dieser Serie und andderen Texten auch bei http://www.fischundfleisch.com.

Autor: Texthase Online

Diesen Blog führe ich seit dem 16. November 2012. Als Autorin benutze ich das Pseudonym Paula Grimm. In diesem Blog findet Ihr nicht nur Prosatexte, Haikus und Essays sondern auch Wissenswertes über das Schreiben, Barrierefreiheit, Internetshops und Webseiten, die ich bei meinen Streifzügen durch das Web finde und alles, was mich privat und beruflich interessiert. Christiane (Texthase Online)

2 Kommentare zu „Aus Paula Grimms Federmäppchen: Orca: Zeit der Schatten: 02. Am Anfang war ein Schla g“

  1. Dieser Schlagabtausch ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie sehr es sich lohnen kann, Texte einfach einige Zeit liegen zu lassen und später der Intuition zu folgen, indem man sie wieder aufgreift und nach Gefühl und nach bestem Wissen und Gewissen verändert.

    Ich stimme unbedingt zu. 🙂

    Herzliche Grüße
    Der Salva

    Gefällt 1 Person

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