Hallo Ihr Lieben,
hier kommt das fünfte Kapitel des Felicitasromans, in dem es um Tamara Sänft und ihre Erlebnisse am 01.08.2012 geht. Sie muss die Abschrift von Felicitas’ Tagebuch unterbrechen und begegnet trotzdem der Vergangenheit des Mädchens und ihrem Krafttier.
Es passiert wieder einmal nicht so viel und doch auch alles Mögliche oder doch alles Unmögliche. Ich frage mich immer noch, ob diese Parallelgeschichte wirklich ihren Reiz hat, besser gesagt, ob es mir gelingt, sie angemessen und interessant zu schreiben.
Aber jetzt geht’s erst einmal weiter.
Ich wünsche Euch viel Vergnügen damit!
Liebe Grüße
Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
Der gelbe Eimer
Tannhuysen, Mittwoch, 01. August 2012
Das Morgenläuten von St. Johannes setzt plötzlich kräftig und laut ein. Die Schwingungen und der Klang erwischen mich abrupt und eiskalt. Der Klang rüttelt mich auf. Und es kommt mir so vor, als ob mich die Schwingungen auf meinem Küchenstuhl hin und her schütteln. Es dauert fast so lange wie das Geläut, bis ich mich wieder gesammelt habe, zur Ruhe komme und einen klaren Gedanken fassen kann. Schließlich stehe ich kurz auf und fülle meine große Tasse mit Milchkaffee aus dem neuen Kaffeeautomaten. Dann setze ich mich wieder auf meinen Platz und warte auf Sigmund, der Brötchen holen gegangen ist.
“Heute werde ich nicht weiter an der Abschrift arbeiten können!” stelle ich unzufrieden und ungeduldig fest.
Ich könnte mit dem Fortgang dieser Sache vollauf zufrieden sein. Ich habe bereits drei Kapitel im Kasten. Und ich weiß, dass ich nur heute meine Arbeit daran unterbrechen muss. Ein Werbekunde kommt. Doch Sigmund hat versprochen, dass er den Löwenanteil der Arbeit an diesem Auftrag machen will. Aber es gehört zu unseren Prinzipien, dass jeder von uns zumindest über die groben Züge eines jeden Auftrags bescheid weiß. Ich könnte mit dem Fortgang der Geschichte zufrieden sein. Ich bin es aber nicht. Ungeduld hat von mir Besitz ergriffen. Denn ich kann diese Geschichte nur in einem bestimmten, sehr langsamen Tempo abschreiben. Es ist so, als ob ich die Buchstaben wie in alter Zeit umständlich ausmalen und nicht abtippen müsste. Dabei kann ich die Zeichen ausgezeichnet lesen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mir die Schrift selbst oder die Schrift und irgendein tückisches Zeitphänomen mir das Schneckentempo diktieren, zu dem ich zurzeit nur fähig bin. Ich verstehe diese Sache nicht. Und ich verstehe mich nicht. Denn ich habe es bereits aufgegeben gegen die verringerte Geschwindigkeit anzukämpfen. Abgefunden habe ich mich mit dem Tempo, das mir aufgenötigt wird, jedoch noch nicht.
Sigmund ist mit meinem Plan einverstanden. Und er ist auch davon überzeugt, dass diese Geschichte eine Goldgrube für uns sein wird. Gestern Abend blätterte er das Buch sorgfältig durch. Dann hörte er sich an, was ich vor habe. Schließlich legte er die Kladde wieder auf meinen Schreibtisch, rieb sich triumphierend die Hände und sagte:
“Das machen wir!”
Und es macht mir überhaupt nichts aus, dass ich weiß, dass er, der damals hier gelebt und als Lehrer am Mädchengymnasium gearbeitet hat, aus ganz anderen Gründen will, dass diese Geschichte in veränderter Form publiziert wird.
Ich sehe aus dem Fenster in den Garten. Und ich fahre zusammen. Ich sehe Kirschen auf dem Baum und eine Bewegung. Dabei hätte ich schwören können, dass am Freitag, als ich hier eingezogen bin, schon alle Früchte abgeerntet waren. Um mich zu sammeln, wende ich meinen Blick einen langen Augenblick vom Garten ab. Als ich wieder hinsehe, sind die Kirschen immer noch da. Und Felicitas sitzt weit oben im Baum. Sie pflückt gewissenhaft Kirschen. ich schätze Ihr Alter vier Jahre und weiß nicht, wie ich darauf komme, dass ich eine Szene aus dem Jahr sehe, als sie und ihre Mutter Terry in dieses Haus gezogen sind. Sie sitzt und bewegt sich sicher auf dem Baum. Ab und zu steckt sie sich genüsslich eine Kirsche in den Mund und spuckt den Kern kurze Zeit später aus. Sie hat einen kleinen gelben Eimer dabei. Ich beobachte, wie sie nach einiger Zeit vom Baum herunter klettert, den Eimer in einem großen, blauen Bottich entleert und wieder auf den Baum steigt. Ich kann mich jetzt von diesem Anblick nicht mehr los reißen.
Ich bin erstaunt und fasziniert. Ich habe noch nie gesehen, wie sich ein Mensch so bewegt und so arbeitet. Jede Bewegung, die Felicitas ausführt, sieht überhaupt nicht aus wie ein Kinderspiel. Alles, was sie tut, sieht nach Disziplin und Verpflichtung aus. Und doch ist jede Bewegung von einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht und wahrscheinlich noch nicht gefunden hat. Sie pflückt die Kirschen weit oben im Baum. Der Ast, auf dem sie sitzt, schwingt unruhig in luftiger Höhe hin und her. Und doch habe ich bislang noch niemanden gesehen, der so geerdet ist wie Felicitas auf dem Kirschbaum.
Ich höre, wie Sigmund die Haustür aufschließt. Und es gelingt mir endlich mich von dem Bild, das sich mir auf dem Kirschbaum bietet, loszureißen. Mein Mann kommt in die Küche und legt die Tüte mit den Brötchen auf den Tisch.
“Glaubst du, dass Felicitas als Kind irgendetwas von einem richtigen Kind an sich hatte?” frage ich.
“Irgendetwas kindliches hatte sie sicher an sich!” antwortet Sigmund.
Dann geht er noch einmal aus der Küche und die Kellertreppe hinunter.
“Ich hab’ da übrigens im Keller noch ein paar Sachen gefunden!” sagt er, als er in die Küche zurück kommt.
“ach, eigentlich ist das alles auch nicht so wichtig. Setz’ dich einfach und sieh’ nicht in den noch unaufgeräumten Garten!”
Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich habe entweder zu viel oder zu wenig gewarnt. Sigmund sieht sich um. Und natürlich fällt auch sein Blick auf den Kirschbaum vor dem Fenster.
Ein Poltern und ein kurzes Rollen sind zu hören. Und Sigmund steht wie angewurzelt da und sagt zunächst nichts.
Und ich weiß, dass mein Mann genau das sieht, was ich eben gesehen habe, dass er sieht, wie Felicitas im Sommer des Jahres 1982 Kirschen pflückt. Und ich sehe unwillkürlich auf den Küchenfußboden. Und da liegt er, der kleine gelbe Eimer.
“Was sollen wir jetzt machen, denn so kann es doch nicht weitergehen?”
“Alles, was von dieser Terese und Felicitas noch hier ist, muss weg, außer dem Buch!”
Das klingt logisch und vernünftig.
“Da oben im Dachzimmer sind noch die alten Möbel, was sollen wir mit denen machen?”
“Die mache ich zu Kleinholz und verbrenne sie. Wir werden diesem Spuk schon ein jähes ende machen!”
Sigmund klingt siegessicher. Und ich frage vorsichtshalber nicht weiter.
Inzwischen ist es Mittag vorbei. Das Mittagsläuten ist verklungen, als ich die Schublade an meinem Schreibtisch aufziehe. Unsere Kunden, die weißen Hexen Adelheid und Elfi, …, die eine Werbecampagne in Auftrag gegeben haben, sind gerade gegangen. Mein Blick fällt auf die Jagdpistole. Sigmund kommt dazu, nimmt sie schnell aus der Schublade und bewegt sie in seiner rechten Hand, als wollte er sie wiegen.
“Um die kümmere ich mich auch noch!”
Und ich glaube gern, dass er auch sie aufnimmerwiedersehen verschwinden lassen wird.
Wenige Minuten später verlässt Sigmund mit den Sachen, die er entsorgen will, das Haus. Ich gehe in die Küche, um noch einen Milchkaffee zu trinken. Als ich am Küchentisch sitze und versuche über den Auftrag nachzudenken, den wir eben angenommen haben, höre ich ein Geräusch. Es ist wie ein lautes Schnurren und es bringt mich dazu zum Küchenfenster zu sehen. Und ich werde starr vor Schreck. Ein Puma steht am Küchenfenster. Er hat seine Vorderpfoten auf das Fenstersims gelegt. Er ist keineswegs feindselig. Aber er steht auch überhaupt nicht auf meiner Seite. Gelassen und aufmerksam steht es da, das Tier. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es irgendwie hier hin gehört. Aber ich will das nicht!
“Felicitas!” sage ich laut.
Der Puma beugt den Kopf wie zu einem Nicken.
“Felicitas, aus!” herrsche ich sie an, als wäre sie ein ungezogener Hund. Aber sie bleibt ganz gelassen und aufmerksam in unveränderter Haltung stehe.
“Felicitas, hau’ ab!”
Sie schenkt mir aber noch einen sehr langen Blick, bevor sie die Pfoten vom Fenstersims nimmt und ruhig und gelassen das Weite sucht. Und es ist klar. Sie wird wieder kommen und zwar wann und wie sie will. Sie wird mir nie etwas zu leide tun. Das weiß ich. Aber ich will sie hier einfach nicht haben. Sie weiß und wittert zu viel. Ich sollte wohl die weißen Hexen anrufen, wenn Sigmund nicht da ist. Es gibt doch Mittel gegen solche Phantome.




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