‘nabend Ihr Lieben,
hier kommt das 14. Kapitel des Felicitasromans. Sie wird einvernommeen und von der Gerichtsmedizinerin untersucht. Alles erdenklich Gute für Euch!
Liebe Grüße
Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
14. Sinne auf und durch
Tannhuysen, Samstag, 28. Juli 1990
Ich bin immer noch nicht müde. Aber ich bin auch nicht aufgekratzt. Das Abendläuten von St. Johannes hat mich leicht beschwingt gemacht und erfüllt. Das Läuten ist verklungen. Ich habe es mit offenen Ohren gehört und mit dem ganzen Körper erspürt. Ich habe es in mich eindringen, mich von ihm tragen lassen. Ich bin gestärkt und dankbar.
“Herzlichen Dank, dass Ihr mir nie gesagt habt: “Augen zu und durch!” Ich sage das zu Opa Heinrich, Oma Isabel und Mamita Terry. Und ich sage es genau so, wie ich es meine.
Augen zu und durch ist nicht meine Art. Und darum überlebe ich bis jetzt mit dem Satz: “Sinne auf und durch!” Natürlich vertraue ich meinen Sinnen auch in der Not nicht vollkommen. Ebenso wenig wie ich meinem Verstand, dem so genannten Bauchgefühl oder meiner Handlungsfähigkeit absolutes Vertrauen schenke. Wahrnehmung, Gefühl, Verstand und der Überlebenswille sind die vier Füße, auf denen man so gut als möglich stehen kann, um dann so gut als möglich durchzukommen, wenn es weitergehen muss. Und ich bin heilfroh, dass mich diese vier Füße auch in der vergangenen Nacht so gut als möglich geerdet und getragen haben. Während ich die ersten Schritte machte, stellte ich nach und nach fest, dass ich meine fünf Sinne beisammen hatte, dass mein Verstand messerscharf arbeitete, dass meine Gefühle inzwischen schwiegen, sich ganz weit nach innen zurückgezogen hatten. Und für eine gewisse Zeit war das auch gut so für die Strategie: “Sinne auf und durch!”
Als wir das Gästezimmer verlassen hatten und ruhig den Flur entlang auf die Treppe zugingen, hörte ich Jan-Niklas’ maulen:
“Wenn ich schon woanders übernachten soll, dann packst du gefälligst meine Tasche, Senta!”
Seiner Stimme war deutlich anzuhören, dass er aufgewacht aber nicht aus dem Schlaf gerissen worden war, und dass er aus Prinzip Ärger machte.
Wir gingen die Treppe herunter, konnten aber das Haus nicht verlassen, denn an der Haustür hatte sich eine Menschenschlange gebildet. Mein halber Onkel Edwin stand in seiner Haustür wie der Zerberus, der niemanden aus dem Hades lässt.
“Was sie hier mit uns allen veranstalten, ist polizeiliche Willkür, übertrieben und unmenschlich!”
Er zeigte mit vor Zorn stark gerötetem Gesicht auf Olivers Hände, die mit Handschellen versehen worden waren.
Der ältere Beamte, der neben Olivier stand, sah meinen halben Onkel gelassen an und sagte ruhig:
“Die jungen Herren haben gleich mit einem Riesentheater angefangen. So was müssen wir uns nicht gefallen lassen. Und wer uns mit einem Affentheater an der Nase ‘rumführen und an der Arbeit hindern will, bekommt von uns immer das komplette Begrüßungspaket, Handschellen inklusive!”
Mein halber Onkel holte tief Luft kam aber nicht dazu Widerworte zu geben. Denn plötzlich tauchte hinter ihm ein bulliger Typ in Polizeiuniform auf, der gefährlich den Kopf senkte, und wütend brummte:
“Je ehr sie die Leute vorbei lassen, damit sie ihre Arbeit tun können, desto eher ist das, was sie Spuk genannt haben, zu ende!”
Edwin drehte sich zu dem Bullen um. Diese Bewegung nutzte der Polizist geistesgegenwärtig aus und schob Edwin zur Seite. Diese Veränderung entging niemandem und alle gingen nach draußen. Ich folgte Ursula Haas und dem Stier zu ihrem Dienstwagen. “Hasi?”
“Stier?”
“Wir haben die Erlaubnis, ähm, die ausdrückliche Anweisung Felicitas Haechmanns nach Kleve zu Frau Dr. Westkamp zu fahren, die heute Nachtdienst hat!”
“Das ist die erste gute Nachricht für heute. - Und Chefchen hat zum ersten Mal von jemandem begriffen, was er taugt!” “Hasi?”
“Stier?”
“Findest du nicht, dass wir jemanden finden sollten, dem das Mädchen vertrauen kann, der sie begleitet?”
Ursula Haas nickte, drehte sich um und ging auf Senta die Ältere und Lenchen zu, die mit Huskuk und den beiden Kindern zusammen standen.
s dauerte keine halbe Minute, bis sich Ursula Haas, Lenchen und Senta darauf geeinigt hatten, dass Senta mit ihrem roten Käfer nach Kleve fahren würde, bei meiner Einvernahme und der Untersuchung dabei sein würde, um mich später zurück nach Tannhuysen zu bringen.
“Ich sag’ dann mal tschüss! Ich komme dann so bald ich kann ins Präsidium und bringe Senta und Adelheid mit, damit Senta ihre Aussage machen kann!” sagte Lenchen. Dann machte sie sich mit Huskuk und den beiden Kindern zu Fuß auf den Weg in ihr kleines Haus im Kastanienweg, der von Onkel Edwins Haus höchstens sechshundert Meter entfernt ist, denn der Kastanienweg ist die nächste Querstraße, die den Rosenweg kreuzt.
Vor längerer Zeit hatte sich die Hofbeleuchtung automatisch eingeschaltet. Und sie würde sich erst wieder abschalten, wenn sich länger nichts mehr auf dem Hof bewegt haben würde. Von meinem Standort aus konnte ich auch die andere Straßenseite gut sehen und beobachtete, dass ein weiterer Wagen kam und auf der anderen Straßenseite hielt.
Drei Männer stiegen aus dem Auto. Sie waren ziemlich bepackt. Als sie an uns vorbeikamen, grüßten sie den Stier kurz, bevor sie ruhig auf die offene Haustür zugingen.
Onkel Edwin wandte sich wieder an den älteren Beamten, der nach wie vor sorgfältig auf Olivier achtete.
“Das ist ja schon wieder so eine Sache! Wir sollen mitkommen, um eine Aussage zu machen und unsere Söhne zu begleiten, und ich habe keine Ahnung, was die Typen in meinem Haus machen!”
Die Hofbeleuchtung war so hell, dass man den gesamten Hof klar und deutlich sehen konnte. Sogar die Gesichtszüge der meisten Leute konnte ich genau erkennen. Der Polizist antwortete meinem halben Onkel nicht oder zumindest nicht sofort. Aber es war gut zu erkennen, was er zuerst dachte:
“Was regst du dich eigentlich auf! Du hast doch öfter keine Ahnung, was in deinen vier Wänden vor sich geht!”
Der Stier machte Ursula Haas und mir ein Zeichen. Und wir stiegen in den Polizeiwagen. Senta saß längst in ihrem Käfer und wartete darauf, los fahren zu können.
Der Stier ließ den Motor an.
“Sollen sie doch alle sehen, wie sie weiter kommen!” brummte er.
Das Einsteigen fiel mir leicht, obwohl ich hinten Platz nahm. Es war ein gutes Zeichen, dass mir auffiel, wie wenig mir das Einsteigen in den Wagen und das Autofahren ausmachte, denn es bedeutete, dass mein Plan, Sinne auf und durch, gut in Gang gekommen war. Meine Sinne, jede Faser meines Körpers und mein Gehirn waren vollkommen damit beschäftigt, alles wahr- und aufzunehmen, was mit mir und um mich her geschah. Und das war auch gut so. Nur auf diese Weise konnte ein Gegengewicht gebildet werden, das so gut als möglich gegen das Auftauchen des Nichts half. Und vieles von dem, was ich bis dahin schon wahrgenommen und mir gemerkt hatte, würde sich eher früher als später als nützlich erweisen. Schon als kleines Kind hatte ich nicht zu denen gehört, die man mit dem Geräusch des Motors und der Bewegung beruhigen oder sogar einschläfern konnte. Und es machte mir auch überhaupt keinen Spaß rote, gelbe, blaue oder grüne Autos zu zählen. Das einzige, was mich ein bisschen beruhigte und mir etwas Spaß machte, war, wenn ich auf dem Beifahrersitz sitzen und sehen konnte, wie Opa Heinrich oder Terry das Auto fuhren. Und vielleicht wird mir das Autofahren auch Spaß machen, wenn ich selbst fahren darf. Ich empfand keine Ruhe, Entspannung, Erleichterung oder Freiheit. Was ich aber deutlich merkte, war, dass jede Einzelheit, die ich wahrnahm, über einen meiner Sinne in mich eindrang, wie ein kleiner Tropfen war, der mich nach und nach stärkte. Aber ich muss es wieder einmal feststellen, man weiß nie, ob es für alle Fälle reicht.
“Ehrlich gesagt, Hasi! Ich bin anders als der Kohlmann. Mir machen die Nachtdienste nach wie vor nicht das Geringste aus, zumindest, wenn wir solche Sachen wie Schlägereien, Einbrüche, Diebstähle, Drogen usw. haben. Aber Familienangelegenheiten aller Art gehen mir immer mehr auf den Geist. Und müssen solche Sachen auch noch ausgerechnet nachts sein?”
“Aber Stier, ärgere dich doch nicht! Der Nachtdienst hat doch gerade erst wieder angefangen. An diesem Wochenende ist übrigens wieder Kirmes in Birkholt. Bei denen ist doch Samstag auf Sonntag immer so richtig was gebacken. Und wer weiß, vielleicht bekommen wir ja wieder so eine schöne, große Massenschlägerei wie letztes Jahr!”
“Ja, ja, ich weiß schon, was du sagen willst! Die Hoffnung stirbt zuletzt und am aller schönsten!”
Doch dann ließ es sich der Stier nicht mehr nehmen von dem Einsatz auf der Kirmes in Birkholt, den sie im vergangenen Jahr bekommen hatten, zu schwärmen.Sie hatten in weniger als zehn Minuten das Zelt “leer gefegt”, etwas mehr als 40 Personen festgenommen. Und es waren nicht nur die Fäuste sondern auch Messer im Spiel gewesen.
Ich könnte jetzt noch jedes einzelne Wort wiedergeben, dass Hasi und Stier auf der Fahrt nach Kleve miteinander sprachen.
Sie redeten ausschließlich miteinander und nicht mit mir. Aber die Art, in der sie miteinander sprachen, schloss mich nicht aus. So hätte es sie keineswegs gestört, wenn ich mich mit einer Frage oder einem Anliegen in ihr Gespräch eingeschaltet hätte.
Ich hatte selbst nichts zusagen. Wir alle drei wussten das. Und auch das schloß mich von ihrem Gespräch nicht aus. Die raue Herzlichkeit, die Zugewandtheit, Ruhe und Offenheit der Worte waren im wahrsten Sinne des Wortes gut aufeinander abgestimmt. So ähnlich hatten früher Opa Heinrich, Oma Isabel und Terry miteinander gesprochen. Und ich hatte die Kraft und Lebendigkeit dieser Gespräche kennen gelernt. ich hatte auch früher schon viel Kraft aus diesen Gesprächen gezogen. Aber in der vergangenen Nacht stellten sich die Gefühle, die ich sonst gehabt hatte, nicht ein. Ich fühlte mich nicht geborgen, schöpfte kein Vertrauen, wie es früher so oft gewesen war. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass meine Gefühle von dem durchlebten Nichts und den K.o-Tropfen ausgetrocknet worden waren. Und meine Sinne nahmen alles, was sie bekommen konnten, wie ein Schwamm aufUnd ich brauchte diesen Schwamm bald und zwar als Puffer gegen die Zusammenstöße mit dem, was bis dahin passiert war und was gerade geschah und noch kommen würde sowie als Kraftspeicher für meine Gefühle und das, was ich zu tun hatte. Und ich brauche diesen Schwamm immer noch. Ich gehöre nicht zu denen, die lange etwas verdrängen und gut ausweichen können. Da hilft eine große Reserve vielseitiger Erfahrungen.
Der Stier parkte den Polizeiwagen auf dem Parkplatz vor dem Gebäude, in dem sich die Gerichtsmedizin befindet. Als Hasi, Stier, Senta und ich über den Parkplatz auf die Doppeltür des Hauses zugingen, war es sehr still und die Dämmerung hatte noch nicht eingesetzt. Die Eingangstür war offen. Und wir traten in eine Halle von der mehrere Flure abzweigten. Zwei Männer kamen uns mit Kaffeebechern in der Hand entgegen. Sie trugen Polizeiuniformen und grüßten den Stier, in dem sie ihm kurz zunickten, bevor sie das Gebäude verließen. Der Flur, den wir entlang gingen war etwa acht Meter lang. Wir gingen bis zum Ende. Der Stier klopfte an eine Tür und eine dunkle, leicht raue Frauenstimme sagte: “Ja, bitte!”
Der Stier öffnete die Tür zum Büro der Gerichtsmedizinerin. Frau Dr. Westkamp war von ihrem Schreibtisch aufgestanden und kam auf uns zu.Ich schätzte sie auf Anfang 40. Als ich sie sah, musste ich sofort an die halbwilde Katze denken, die Oma Isabel immer gefüttert hatte, als ich mit Terry zusammen noch bei meinen Großeltern gelebt hatte.Sie war klein und sehr dünn, fast mager. Aber sie bewegte sich kraftvoll und geschmeidig. Ihr schwarzes Haar war strapaziert und sah stumpf und struppig aus.
“Einen Guten!” sagte sie und sah uns nacheinander kurz freundlich mit ihren grünen katzenhaften Augen an. “Tach auch, Fippps!” sagte der Stier und fuhr nach einer kurzen Pause fort:
“Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass wir dir Felicitas nicht nur zur Untersuchung sondern auch zur Einvernahme hier lassen. Und ich hoffe, dass es in Ordnung ist, wenn die Frau Senta Radmann Felicitas begleitet!”
“Was soll diesbezüglich nicht in Ordnung sein? Ganz zu schweigen davon, dass Euer Chefchen mich ausnahmsweise höchstpersönlich angerufen hat, um mir mitzuteilen, wie die Einvernahme von Felicitas laufen soll. . “Und wenn er oder der Untersuchungsrichter deshalb oder wegen Frau Radmann Ärger machen, werde ich schon mit ihnen fertig. Und es wird ihnen auch nicht das geringste nützen, wenn sie sich dann doch mal miteinander verbünden!” Dabei leuchtete die reine Kampflust in ihren Augen. Und dem Stier war deutlich anzusehen, wie froh und dankbar er für das Engagement der Gerichtsmedizinerin war.
“Dann machen wir uns mal besser auf den Rückweg, damit wir bald im Präsidium nach dem Rechten sehen können!” meinte Ursula Haas und zwinkerte der Ärztin zu.
“Alles erdenklich Gute für Dich, Felicitas!” sagte Hasi zu mir, und der Stier nickte. Die beiden Polizisten verabschiedeten sich kurz von Senta und der Gerichtsmedizinerin und verließen das Büro. Ich hörte wie sich ihre Schritte entfernten und plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf: “Wir sehen uns nächsten Samstag schon wieder!”
Ich durfte feststellen, wie gut meine Wahrnehmungen schon wieder oder nach wie vor mit dem intuitiven Teil meines Denkens verbunden war. Aber auch dieser spontane Geistesblitz löste kein Gefühl aus. Möglicherweise hätte ich etwas empfunden, wenn ich die Verbindung meines spontanen Gedankens mit meinen Wahrnehmungen analysiert hätte, wie ich es schon so häufig ganz einfach gemacht hatte. Es fällt mir meist nicht schwer. Und es ist meine Art. Und da ich nicht viel rede, habe ich ja auch oft die Zeit dazu. Aber ich ging dem Ursprung meines Gedankens nicht nach. Jetzt ging es um die Einvernahme und die medizinische Untersuchung. Und es galt immer noch: “Sinne auf und durch!”
Das Büro der Gerichtsmedizinerin war ein langgezogener Raum. Die kurze Seite, die sich gegenüber von der Eingangstür befand, wurde durch eine Fensterfront eingenommen, vor der der große Schreibtisch stand. Frau Dr. Westkamp nahm hinter dem Schreibtisch platz und machte ihr Schreibzeug bereit. Vor dem Schreibtisch standen zwei Stühle. Wir setzten uns, und ich beobachtete, wie die Gerichtsmedizinerin ein Blatt in die Schreibmaschine, die auf ihrem Schreibtisch stand, einspannte. Ich nutzte die günstige Gelegenheit, mir ihre Hände genau anzusehen. Mir werden dies kleinen, zierlichen Hände mit ihrer beweglichen und kraftvollen Ausstrahlung sicherlich immer im Gedächtnis bleiben. Ich habe noch nie so schöne Hände gesehen außer denen von Terry und Oma Isabel.
“Ich denke, wir fangen mit deiner Aussage an. Übrigens, ich heiße Philippa Westkamp. Ich bin seit dem 01. Oktober 1976 Gerichtsmedizinerin hier in Kleve.”
Während sie sprach, geschah etwas, was ich noch nie erlebt hatte. Ihr Name der genannte Ort und das Datum ihrer Einstellung leuchteten vor meinem inneren Auge auf. Die Leuchtschrift war in der mittelblauen Farbe, die auch der fremde junge Mann gewählt hatte, als er mir vor wenigen Stunden während meiner Bewusstlosigkeit die Taube auf meinen linken Handrücken tätowiert hatte. So kann man sich also auch Notizen machen!
“Felicitas, hast du Angst?”
“Nein, ich habe keine Angst. Ich habe gar kein Gefühl.”
“Ich nehme dir jetzt zuerst Blut ab, obwohl man das Zeug, das sie dir gegeben haben, nicht mehr nachweisen können wird. Wenn man nach der Einnahme aufwacht, hat der Körper es bereits abgebaut. Aber sicher ist sicher. Alles andere machen wir dann nach dem Protokoll!”
Ich hatte erwartet, dass sie noch irgendetwas zu ihrer eigenen Beruhigung und zu meinem Trost sagen würde. Aber es gab nichts zu sagen. Sie sah mich nur gelassen an. Ich erwiderte ihren Blick. In mir kam ein Gedanke auf, und ich fragte sie:
“Wie geht das, wenn eine Aussage gemacht wird, obwohl jemand zur Sache selbst nichts sagen kann?”
“Dann tun wir, was wir können und machen ein Protokoll, das sozusagen den Rahmen des Verbrechens absteckt!”
Sie griff in eine Schublade zu ihrer Linken und holte die Dinge heraus, die sie für die Blutabnahme benötigte. ich krempelte meinen linken Ärmel hoch. Nachdem sie die Einwegspritze ausgepackt und in meiner Armbeuge angesetzt hatte, beobachtete ich, wie das Blut in die Spritze Floß. Es sah natürlich aus, wie Blut eben aussieht, das in eine Spritze fließt.
Frau Dr. Westkamp ging mit der Spritze in einen Nebenraum, den sie von ihrem Büro aus durch eine Metalltür betreten konnte. Ich hörte, wie sie mit jemandem sprach. Dann kam sie wieder zurück und setzte sich an ihren Schreibtisch.
Zuerst nahm sie unsere Personalien auf und tippte alle erforderlichen Daten in den oberen Teil des Protokolls ein. Sie beherrscht das Zehnfingersystem und wendete es selbstverständlich auch bei der Niederschrift des Protokolls an.
“Erzähl’ einfach so genau als möglich, was du erlebt hast!” sagte sie schließlich. Und es war klar, dass sie mir alle Zeit der Welt für meinen Bericht gab.
Aber ich war sofort bereit. Meine Feder musste nicht mehr gespitzt werden, damit ich meine Schreibredetechnik einsetzen konnte. Durch unsere Konzentration, das Zehnfingersystem und die Schreibredetechnik bildeten wir ein perfektes Team für die anliegende Aufgabe. Ich sprach von der Hochzeit, bei der ich gewesen war, wie ich sie mit Jan-Niklas und Senta verlassen hatte, was ich im Haus von Onkel Edwin getan hatte, bis meine Cousins und der mir unbekannte junge Mann gekommen waren, dass ich mit Adelheid telefoniert und Cola getrunken hatte, wie die Tropfen auf mich gewirkt hatten,wie ich in Bewusstlosigkeit gefallen und wieder aufgewacht war. Mein Bericht ging bis zu dem Zeitpunkt, als ich in den Polizeiwagen gestiegen war. Ich hielt die Sätze kurz und bündig. Das half mir dabei mich genau zu konzentrieren und nichts zu vergessen, was geschehen war.
Und ich hatte überhaupt kein Problem damit die Zeitangaben zu machen, die mir bekannt waren. Wie perfekt wir zusammenarbeiteten zeigte sich vor allem auch daran, dass die Niederschrift des Protokolls zügig aber ohne hast voran ging.
Nachdem ich alles gesagt hatte, was ich wusste, schrieb Frau Dr. Westkamp noch etwas auf das Papier, nahm es aus der Schreibmaschine und reichte es mir. Senta und ich lasen gleichzeitig. Und Senta gab das Schriftstück an die Gerichtsmedizinerin zurück, nachdem sie es in meinem Auftrag und als Zeugin unterschrieben hatte.
“Da muss ich nicht insistieren. Das ist alles, was du zu diesem Zeitpunkt wissen kannst. Und der Rahmen des Verbrechens wurde sehr gut abgesteckt! Da soll mal einer meckern!”
Frau Dr. Westkamp stand auf, schloss zuerst die Tür zum Nebenraum, in dem sich wahrscheinlich ein Labor befand, und dann die Tür zum Flur ab. Auf dem Rückweg nahm sie im Vorübergehen einen Fotoapparat aus einem Regal. Ich zog mich aus. Ich sah nicht hin, wie ich das tat. Ich achtete darauf, was Senta und die Gerichtsmedizinerin taten. So wie ich sie nicht aus den Augen ließ, ließen sie mich auch nicht aus den Augen. Und das war gut so. Ich mag nicht länger angesehen und damit aufgesehen werden. Und ich mag nicht fotografiert werden. Aber, als die beiden Frauen mich ansahen, kam immer noch kein Gefühl, kein Unbehagen oder Unsicherheit auf. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass ihre Blicke so ruhig, freundlich und warm waren, dass sie die Funktion der Kleidung Übernahmen, die ich auszog. Dabei bewegte ich mich ruhig und gelassen. Und genauso bearbeitete mein Verstand die Frage, wie ich mich beim Fotografieren verhalten sollte.
“Wer versucht, dem verkürzenden und flachen Wirken eines Fotoapparats etwas entgegenzusetzen, indem er ihm verbissen und konzentriert entgegen sieht, verliert. Niemand ist ein ebenbürtiger Gegner für einen Fotoapparat. Also Ohren auf und durch!”
Während die Gerichtsmedizinerin meine Handrücken, die blauen Flecken, die Kratzer und Krusten nacheinander ablichtete, achtete ich nur auf das, was um mich her zu hören war. Ich hörte die wenigen Anweisungen der Ärztin, das Klicken der Kamera und die Geräusche aus dem Labor. Ich fühlte immer noch nichts.
Schließlich hörte ich, wie Frau Dr. Westkamp die Kamera auf ihrem Schreibtisch ablegte. Und ich schaltete von konzentriertem Hören wieder auf hören und sehen um. Die Ärztin ging zu einem weißen Metallschrank, der sich neben der Tür zum Labor befand, schloss ihn auf und holte einen Koffer heraus. Diesen stellte sie ebenfalls auf ihrem Schreibtisch ab und öffnete ihn. Er enthielt verpackte Tupfer, Handschuhe,, Verpackungsmaterial und einige medizinische Werkzeuge.
“Alle Proben werden auf so genannten Projektträgern festgehalten, steril verpackt und beschriftet. Man weiß ja nicht, wann sie im Labor untersucht werden können. Aber erst mal nehme ich deine Fingerabdrücke. Die werden bestimmt auch gebraucht.”
Nachdem sie meine Fingerabdrücke abgenommen hatte untersuchte Dr. Westkamp meine Fingernägel.
“Ich hätte mir denken können, dass da nichts zu finden ist!” sagte sie enttäuscht.
Es verunsicherte sie überhaupt nicht, wie genau ich beobachtete, was sie tat. Es kam mir im Gegenteil so vor, als ob es sie zufrieden machte und beruhigte. Ich begab mich im wahrsten Sinn des Wortes in ihre Hände. Und das merkte sie auch, und es zeigte ihr, dass alles so weit als möglich in Ordnung für mich war. Jede Berührung tat mir weh. Aber die Schmerzen dauerten nur so lange wie die Berührungen, verbreiteten sich weder über die Haut, noch in mein Inneres. Ich kann mir dafür nur zwei Gründe vorstellen. Einerseits hielt meine innere Fühllosigkeit, der Rückzug meiner Gefühle, immer noch an. Und andererseits gelang es mir mich vollkommen auf das, was die Ärztin tat, einzulassen. Sich so auf einen Menschen einzulassen erfordert ein großes Maß an Willensstärke und Aktivität. Auch meine Patin Senta sah genau hin. Und auch sie war mehr als eine bloße Beobachterin. Ich wusste, dass beide achtsam waren und mich auf ihre eigene Weise beschützten.So blieb ich gelassen, als Frau Dr. Westkamp mit Hilfe eines Spekulums und eines Tupfers den Scheidenabstrich machen musste. Das, was die Gerichtsmedizinerin zu tun hatte, was ich beobachtete und der Schmerz führten mir endgültig und unwiderruflich ins Bewusstsein, dass ich vergewaltigt worden war wie Terry vor mehr als dreizehn Jahren. Meine Cousins und der unbekannte junge Mann hatten sich zwar die Mühe gemacht mich zu betäuben. Aber sie waren absichtlich in die Fußstapfen der Typen mit den Vogelmasken getreten, die seiner Zeit Terrys Seele getötet hatten. Noch trugen sie alle Masken, waren auf die eine oder andere Art noch unerkannt. Und ich werde ihnen allen früher oder später in ihre boshaften Gesichter und direkt in die Augen sehen müssen. Als ich dabei zusah, wie Dr. Westkamp die Probendes Scheidenabstrichs verpackte und beschriftete, dachte ich:
“Ich kriege auf meine Weise ‘raus, was jeder einzelne von euch getan hat, und was ich über jeden einzelnen von euch wissen muss! Und ich kriege jeden von euch auf meine Art dran! Und auch den, der Terry überfahren hat, kriege ich zu fassen!”
Schließlich klappte Philippa Westkamp ihren Arztkoffer wieder zu. Die Untersuchung war also abgeschlossen. Ich begann mich anzuziehen. Sie brachte den Koffer zurück in den Metallschrank und kam mit einem Kasten zurück, in den sie die verschiedenen Proben, die sie von meinen Wunden genommen hatte, einordnete, und dabei noch einmal sorgfältig die Beschriftungen prüfte. Als sie den Kasten und ihre Schlüssel nahm, um die Proben in das Labor zu bringen, war ich vollständig bekleidet, obwohl ich mich nicht besonders beeilt hatte. Es war mir sogar vorgekommen, als ob ich in der Geschwindigkeit meiner Bewegungen stark nachgelassen hätte.
Nachdem die Ärztin aus dem Labor zurück gekommen war, fertigte sie gemeinsam mit Senta ein Protokoll über das Verhör und die Untersuchung an, das Senta unterschreiben sollte. Während Senta das Schriftstück gewissenhaft durchlas, sprach Frau Dr. Westkamp mit mir:
“Gleichgültig, was sie dir über den Tot deiner Mutter erzählen. Sie hatte keine Schuld an dem Unfall und keine Chance ihn zu überleben. An der Kreuzung von Jungfernweg und der Hauptstraße ist nur eine Geschwindigkeit von 7ß km/h erlaubt. Die erste vorsichtige Schätzung der Experten besagt, dass das Fahrzeug mindestens mit einer Geschwindigkeit von 140 km/h gefahren ist. Wahrscheinlich war es auch noch schlecht beleuchtet. Der Fahrer hat sich darauf verlassen, dass die Straßen zu dieser Zeit nur wenig befahren sind. Er hat in aller Ruhe von der Telefonzelle an der Bushaltestelle am Jungfernweg aus jemanden gerufen, der ihn abschleppt!”
Als Senta das Protokoll unterschrieb, reichte mir Frau Dr. Westkamp ihre Karte. Ich las mir die Daten auf den beiden Seiten sorgfältig durch und schloss die Augen. Wieder sah ich die Angaben vor meinem inneren Auge in der mittelblauen Schrift aufleuchten. Also funktionierte die neue Art mir Notizen zu machen wieder.
“Wenn du Hilfe brauchst, oder etwas wissen willst, kannst du dich einfach bei mir melden!” Ich gab ihr die Karte zurück.
“Ist gebongt!”
Die Gerichtsmedizinerin begleitete uns bis zur Tür und schloss ihr Büro wieder auf. “Auf wieder sehen, Frau Dr. Westkamp!”sagte Senta.
“Auf wieder sehen und macht es so gut als möglich!” erwiderte Philippa Westkamp. Ich nickte nur zum Abschied.
Als kurze Zeit später hinter Senta und mir die schwere Eingangstür des Gebäudes zufiel, dachte ich:
“Wir sehen uns auch am nächsten Samstag wieder, Dr. Westkamp!” Aber auch diesem Gedanken ging ich nicht nach. Wenn es denn so sein soll, werde ich Ursula Haas und Philippa Westkamp wirklich schon nächsten Samstag wieder sehen.



