Am Anfang war ein Schlag ins Gesicht (Orcaprojekt)

Guten Tag Ihr Lieben,

nennt es, wie es Euch gefällt, Textschmiede oder Schreibwerkstatt! Auf jeden Fall mache ich meine Ankündigung von letzter Woche wahr und gebe Euch Einblicke in meine Arbeit, die ich an meinem ersten Roman, Orca, getan habe. Und wo fängt man am Besten an? - Am Anfang.

Am Anfang war ein Schlag ins Gesicht. Allerdings stehen diese Szenen nicht am Anfang des Romans. In der Endversion des Romans ist dass, was Ihr als Textprobe in diesem Artikel findet, im neunten Kapitel. Doch das war die erste Szene, die ich überhaupt geschrieben habe. Das war bereits im Jahr 1998. Inspiriert wurde die erste Beschreibung durch Ungerechtigkeiten, die ich bei einem Geschwistertrio aus meinem Umfeld miterlebt hatte. Nachdem ich diese erste Version geschrieben hatte, blieb sie eine gewisse Zeit, ungefähr ein Vierteljahr, liegen. Möglicherweise hätte diese Niederschrift für sich stehen können. Aber, als ich mir diesen kurzen Text noch einmal durchgelesen hatte, war mir klar, wer Amanda ist, und wie ihre Geschichte vor und nach diesem Ereignis verlaufen soll. Es war wirklich wie eine Initialzündung. Ich habe die Aufzeichnung gelesen, wurde ein oder zwei Minuten innerlich ganz ruhig. Und dann ging es los.

So wurde aus Amanda das große Mädchen mit dem Spitznamen Orca, die den schweren Unfall ihrer Halbschwester mitansehen muss, von ihrem Stiefvater gequält wird, sich selbst fast verbrennt und diese Dinge mehrere Jahre erfolgreich verdrängt aber durch den Schlag ins Gesicht schlagartig und doch auch Schritt für schritt an alles wieder erinnert wird. Und was hat es mit diesem Jungen in ihrem Alter auf sich, der sich ihr als Phantom immer wieder zeigt, wenn sie es überhaupt nicht gebrauchen kann? Amandas Vater Richard weiß nichts. Und ihre Mutter Regina schweigt sich aus. Und auch in der Autobiografie, die sie geschrieben hat, die über 30.000 Mal verkauft wurde, findet sich für Amanda nicht ein einziger Hinweis auf dieses Kind. Am Ende der beschriebenen Ereignisse will sich Amanda übrigens mit ihrem Vater treffen. Die Anspielung, die Orca macht, bezieht sich darauf, dass Bernulf, der Lebensgefährte ihrer Mutter Richard tot gesagt hatte, als er an Leukämie erkrankt war.

Die Weiterentwicklung dieser Beschreibung hat auch eine inhaltlich Konsequenz. So müssen die ersten Spurenelemente der verdrängten Ereignisse einfließen. Ursprünglich war dieser Abschnitt in der Vergangenheitsform verfasst. In der aktuellen Version erzählt Amanda die Vorkommnisse. Sie rückt der Reporterin, die eine Homestory über Amandas Mutter und die ganze Familie machen will, mit dem Präsenz auf den Leib. Das verringert den Abstand zu den Ereignissen. Aber Amanda spricht von sich in der dritten Person, als ob sie alles noch einmal erlebt und sich dabei beobachten will.

Jetzt aber an die Absätze, fertig, los!

„Nach dem Mittagessen sitzen Amanda und Rika in ihrem Zimmer. Rika bastelt eine Geburtstagskarte. Und Amanda liest. Dian lungert im Wohnzimmer herum. Er langweilt sich absichtlich, um auf dumme Gedanken zu kommen. Schließlich rennt er die Treppe hinauf, reißt die Tür zu Reginas Arbeitszimmer auf und brüllt:
„Guck’ mal, Mama, was die Rika gemacht hat. Papas LieblingsCD von den drei Tenören in vier Stücke gebrochen“ „Hier kann man noch nicht mal in Ruhe telefonieren!“
Beide kommen die Treppe heruntergerannt. !Noch mit dem Telefon in der Hand stürzt Regina in Amandas und Rikas Zimmer und schlägt Rika ins Gesicht. Amanda fühlt den Schlag, als sei sie es, die geschlagen wird. Amanda springt auf und schlägt Regina mit ihrer Linken, mit ihrer Arbeitshand, ebenfalls mitten ins Gesicht. Ihr Gegenschlag bringt Amanda schlagartig zu Bewusstsein, dass sie noch nie hat mitansehen müssen, dass Regina Rika geschlagen hat. Aber das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Regina ihre Hand noch nie gegen Rika erhoben hat. Amanda weiß in diesem Moment natürlich wieder, wie es ist, wenn Regina schlägt. Als sie früher Amanda geschlagen hat, ließ sie es nie bei einem Schlag bewenden. Das ist lange her, aber nicht lange genug, um in Vergessenheit zu geraten. Seit Amanda aus der Klinik für Verbrennungsopfer zurückgekommen ist, hat Regina sie nicht mehr angefasst. Sie hat sie nicht mehr geschlagen noch sonst irgendwie berührt.

Zunächst stehen sich Regina und Amanda wie angewurzelt gegenüber. Es ist nicht das erste Mal, dass sie einander gegenüber stehen, und dass Amanda den Eindruck hat, dass sie ihre Mutter zum ersten Mal sieht. Aber diesmal ist es keine der Fremdheiten, die sich zwischen Müttern und Töchtern einstellen können. Sie stehen sich nicht als Mutter und Tochter gegenüber. Zum ersten Mal springt das Schloss der Kette auf, die sie auf Gedeih und Verderb als Mutter und Tochter aneinander fesselt. Regina bemerkt nichts. Sie denkt wahrscheinlich über eine Strafe nach oder ist mit etwas ganz anderem beschäftigt. Es ist eine Chance. Amanda streckt Regina ihre linke Hand entgegen. Damit sollen sich ihre linke und Reginas rechte Hand durch eine andere Geste versöhnen können. Regina reagiert nicht. Wahrscheinlich hat sie einfach nichts bemerkt. Darum spricht Amanda sie an:
„Es tut mir wirklich leid, was passiert ist. Ich wusste aber in diesem Augenblick nicht, ob es mit deinem einen Schlag zu ende sein würde. Schließlich stand Dian auch noch triumphierend bei dir.“ Regina reagiert immer noch nicht. Amanda zieht ihre Hand zurück und steckt beide Hände in die Hosentaschen.

Plötzlich zittert Regina. Es ist keine Angst. Es ist eine Mischung aus Zorn und gekränkter Eitelkeit. “Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!” Da schnappen die Schlösser der Kette augenblicklich wieder zu. “Und was wird aus einer Hand, die sich gegen ein unschuldiges Kind erhebt?”
Regina gibt keine Antwort, wendet sich ab und geht nach oben in ihr Arbeitszimmer, um mit Bernulf zu telefonieren, der wenig später von einem Besuch bei seinen Eltern zurückkommt.

Er kommt direkt in die Küche, wo Amanda auf ihrem Platz sitzt und Cola trinkt. Er zündet sich in aller Ruhe eine Zigarette an. Amanda will aufstehen, um zu gehen. “Bleib’ gefälligst sitzen!”

Amanda gehorcht, weil sie ganz plötzlich etwas wahrnimmt, das nicht in diese Küche und in diese Zeit gehört, das aber über eine Echtheit verfügt, die sie nicht einfach ignorieren kann, und für das es unwichtig ist, wann und wo es sich Bahn brechen kann. Es riecht nach Keller. Und Amanda hört die stampfenden Geräusche der Maschinen der Schlosserei, wie sie sie früher in dem Haus in Hinterwall gehört hatte. Dann ist es stiller, und sie hört nur das Summen einer Kamera. So plötzlich wie die Eindrücke auf sie einstürzen, so plötzlich sind sie auch wieder verschwunden. “Dass du jetzt schon deine Mutter schlägst, geht wirklich zu weit!”
“Regina hat Rika geschlagen, obwohl die gar nix gemacht hat, das geht erst recht zu weit, oder?” “Das geht dich nichts an!”
“Die Rika ist meine kleine Schwester. Ich pass’ doch nur so gut es geht auf sie auf.” Amanda steht vorsichtshalber auf und lässt Bernulf nicht aus den Augen. “Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!” “Und was wird aus der Hand, die sich gegen ein unschuldiges Kind erhebt?”
Amanda ballt ihre linke Faust und betrachtet sie, als erwarte sie, dass sie langsam versteinern würde und abfallen müsste. Aber auch, als Bernulf auf ihre Linke Faust starrt, ändert sich nichts.. Denn die Hand, die zur Faust geballt ist, bleibt, was sie ist, eine Hand, die zur Faust geballt ist. “Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!”
Als Bernulf das noch einmal sagt, hat seine Stimme einen leicht bittenden Unterton.
“Was regst du dich denn so darüber auf? Halt’ dich doch einfach ‘raus. Ihr ist doch sowieso nichts passiert, außer, dass sie ein blaues Auge hat. Ich stand ja im falschen Winkel und es war ja mehr so’n Reflex. Wie sagen die Erwachsenen immer? - Die Hand ist ausgerutscht!”
“Jetzt bist du wohl auch noch stolz darauf und ärgerst dich, nicht noch mehr angerichtet zu haben!”
“Nee, ich bin überhaupt nicht stolz darauf, und ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist, gerade der Rika!” “Warum entschuldigst du dich dann nicht einfach anständig bei deiner Mutter?”
“Ich werd’ mich bei ihr entschuldigen aber erst, wenn sie sich bei der Rika entschuldigt.” “Auch noch Bedingungen stellen!”
“Ich will bloß nicht, dass es für die Regierung, Rika, Dian und dich so aussieht, als ob ich das in Ordnung finde, was Regina getan hat, wenn ich mich entschuldige, ohne dass Regina sich vorher bei der Rika entschuldigt, sieht es doch so aus, als ob Regina Rika zu Recht geschlagen hat.”
“Es hat keinen Zweck mit dir vernünftig reden zu wollen. Hau’ ab! Und komm’ mir heute nicht mehr unter die Augen! Und” “Mach’ ich doch immer gern. Ich hab’ sowieso ‘ne Verabredung!” “Mit wem denn?”
“Mit dem, den du totgesagt hast, und der hoffentlich deshalb richtig viel länger lebt!”
auf Gedeih und Verderb als Mutter und Tochter aneinander fesselt. Regina bemerkt nichts. Sie denkt wahrscheinlich über eine Strafe nach oder ist mit etwas ganz anderem beschäftigt. Es ist eine Chance. Amanda streckt Regina ihre linke Hand entgegen. Damit sollen sich ihre linke und Reginas rechte Hand durch eine andere Geste versöhnen können. Regina reagiert nicht. Wahrscheinlich hat sie einfach nichts bemerkt. Darum spricht Amanda sie an:
„Es tut mir wirklich leid, was passiert ist. Ich wusste aber in diesem Augenblick nicht, ob es mit deinem einen Schlag zu ende sein würde. Schließlich stand Dian auch noch triumphierend bei dir.“ Regina reagiert immer noch nicht. Amanda zieht ihre Hand zurück und steckt beide Hände in die Hosentaschen.

Plötzlich zittert Regina. Es ist keine Angst. Es ist eine Mischung aus Zorn und gekränkter Eitelkeit. “Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!” Da schnappen die Schlösser der Kette augenblicklich wieder zu. “Und was wird aus einer Hand, die sich gegen ein unschuldiges Kind erhebt?”
Regina gibt keine Antwort, wendet sich ab und geht nach oben in ihr Arbeitszimmer, um mit Bernulf zu telefonieren, der wenig später von einem Besuch bei seinen Eltern zurückkommt.

Er kommt direkt in die Küche, wo Amanda auf ihrem Platz sitzt und Cola trinkt. Er zündet sich in aller Ruhe eine Zigarette an. Amanda will aufstehen, um zu gehen. “Bleib’ gefälligst sitzen!”

Amanda gehorcht, weil sie ganz plötzlich etwas wahrnimmt, das nicht in diese Küche und in diese Zeit gehört, das aber über eine Echtheit verfügt, die sie nicht einfach ignorieren kann, und für das es unwichtig ist, wann und wo es sich Bahn brechen kann. Es riecht nach Keller. Und Amanda hört die stampfenden Geräusche der Maschinen der Schlosserei, wie sie sie früher in dem Haus in Hinterwall gehört hatte. Dann ist es stiller, und sie hört nur das Summen einer Kamera. So plötzlich wie die Eindrücke auf sie einstürzen, so plötzlich sind sie auch wieder verschwunden. “Dass du jetzt schon deine Mutter schlägst, geht wirklich zu weit!”
“Regina hat Rika geschlagen, obwohl die gar nix gemacht hat, das geht erst recht zu weit, oder?” “Das geht dich nichts an!”
“Die Rika ist meine kleine Schwester. Ich pass’ doch nur so gut es geht auf sie auf.” Amanda steht vorsichtshalber auf und lässt Bernulf nicht aus den Augen. “Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!” “Und was wird aus der Hand, die sich gegen ein unschuldiges Kind erhebt?”
Amanda ballt ihre linke Faust und betrachtet sie, als erwarte sie, dass sie langsam versteinern würde und abfallen müsste. Aber auch, als Bernulf auf ihre Linke Faust starrt, ändert sich nichts.. Denn die Hand, die zur Faust geballt ist, bleibt, was sie ist, eine Hand, die zur Faust geballt ist. “Es soll die Hand zu Stein werden, die sich gegen Vater oder Mutter erhebt!”
Als Bernulf das noch einmal sagt, hat seine Stimme einen leicht bittenden Unterton.
“Was regst du dich denn so darüber auf? Halt’ dich doch einfach ‘raus. Ihr ist doch sowieso nichts passiert, außer, dass sie ein blaues Auge hat. Ich stand ja im falschen Winkel und es war ja mehr so’n Reflex. Wie sagen die Erwachsenen immer? - Die Hand ist ausgerutscht!”
“Jetzt bist du wohl auch noch stolz darauf und ärgerst dich, nicht noch mehr angerichtet zu haben!”
“Nee, ich bin überhaupt nicht stolz darauf, und ich bin froh, dass nicht mehr passiert ist, gerade der Rika!” “Warum entschuldigst du dich dann nicht einfach anständig bei deiner Mutter?”
“Ich werd’ mich bei ihr entschuldigen aber erst, wenn sie sich bei der Rika entschuldigt.” “Auch noch Bedingungen stellen!”
“Ich will bloß nicht, dass es für die Regierung, Rika, Dian und dich so aussieht, als ob ich das in Ordnung finde, was Regina getan hat, wenn ich mich entschuldige, ohne dass Regina sich vorher bei der Rika entschuldigt, sieht es doch so aus, als ob Regina Rika zu Recht geschlagen hat.”
“Es hat keinen Zweck mit dir vernünftig reden zu wollen. Hau’ ab! Und komm’ mir heute nicht mehr unter die Augen! Und” “Mach’ ich doch immer gern. Ich hab’ sowieso ‘ne Verabredung!” “Mit wem denn?”
“Mit dem, den du totgesagt hast, und der hoffentlich deshalb richtig viel länger lebt!”

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)

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Über Texthase Online

Ich bin seit Juni 2009 freie Texterin und Autorin. Das Pseudonym für meine Prosaarbeit lautet Paula Grimm. Als freie Texterin nehme ich Textaufträge aller Art an.
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