Kurzprosa: So ein Hundstag

Guten Tag Ihr Lieben,

heute beginnen sie, die Hundstage. Denn bis zum 23. August ist Sirius, das Sternbild des Hundes, am Nachthimmel besonders gut zu sehen. Heiß geht es her in dieser Zeit. Davon weiß auch die Rottweilerin Emma ein Lied zu singen. Es ist die erste Geschichte aus ihrem Hundeleben. Was Ihr in dieser Geschichte lesen könnt, kommt dabei heraus, wenn Christiane, Paula Grimm, bei einem Workshop zwei Stunden Zeit zum Schreiben hat. Viel Vergnügen mit diesem kurzen Prosatext!

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
So ein Hundstag

Man fühlt sich einfach hundeelend an diesen Hundstagen. Seit Vorgestern liegt ein Gewitter in der Luft. Es kommt aber einfach nicht. Und bei dieser Affenhitze kommt man auch ganz einfach deshalb auf den Hund, will heißen, dass Hund auf sich allein gestellt ist und außerdem auf verlorenem Posten steht, weil die Menschen, um die Hund sich zu kümmern hat, diese Bullenhitze auch nicht besser vertragen als wir Hunde. Sie sind gereizt und unkonzentriert. Und spätestens am Mittag verdampft ihr viel gelobter Menschenverstand in der Sonne, in der sie sich freiwillig rösten lassen. 

Der heutige Tag war vollkommen für die Katz. Und das fing bereits vor dem Erwachen mit diesem Albtraum an. Mir träumte, ein dicker, lauter und stinkender Mann würde mit einem Hund und zwei Katzen bei uns einziehen. Als ich erwachte, schimpfte ich mit mir selbst:
”Emma, du bist doch kein hysterischer kleiner Kläffer, sondern ein gestandener Rottweiler. Und dass Lena und Carmen noch mindestens einen Mitbewohner suchen, ist doch eigentlich gut!”
Aber dieser ekelhafte Geruch des Mannes und die Katzen gingen mir einfach nicht aus dem Sinn. Woher kannte ich diesen Geruch nur?

Ich nickte tatsächlich noch einmal ein. Kurze Zeit später hörte ich Lena die Treppe herunterkommen und stand vor lauter Schreck natürlich mit der falschen Pfote zuerst auf und war nach Lenas Meinung nicht schnell genug bei der Terrassentür. 
”Emma, wo bleibst du denn so lange. Jetzt aber ‘raus mit dir, hopp!”
Und als ich gerade draußen war, machte Lena die Tür hinter mir zu. Und das ist so eine isolierte Tür. Daher konnte ich nicht hören, was meine Herrinnen bei ihrem Frühstück besprachen. Da stand ich nun wie ein begossener Pudel, weil ich merkte, dass da mehr in der Luft lag, als dieses Gewitter. 
”Menschenskinder, ich passe wirklich gern auf euch auf! Aber wie soll ich das anständig tun, wenn ich nicht genau weiß, was abgeht?”

 
Also durchstreifte ich gewissenhaft witternd den Garten. Es war bereits so warm, dass ich beim Gartenteich angekommen, die unbändige Lust verspürte, ein angenehm kühlendes Bad zu nehmen. Aber ich darf nicht in den Gartenteich. Lena meint:
”Das ärgert die Fische.” Und mich ärgern geschlossene Türen, die außen keine anständige Klinke haben, dass Hund sie beim besten Willen nicht öffnen kann. Aber das interessiert wieder mal niemanden. Und diese Tür war so was von verschlossen.

Schließlich machte mir Carmen die Terrassentür auf und ließ mich ins Haus. Aber es war klar, dass ich den Vormittag damit würde verbringen müssen im einigermaßen kühlen Flur herumzulungern. Meine Herrinnen arbeiten zwar zu Hause, aber ich kann Lena nicht bei ihren merkwürdigen Telefonberatungen und Carmen bei ihren Übersetzungsarbeiten helfen. Vor allem Lena darf nicht wissen, dass ich, wenn sie schlafen an dem alten Computer tippen kann. Lena, die nicht so gut mit dem Geld umgehen kann und sowieso gern ins Fernsehen will, fände sonst sicher eine Möglichkeit aus meiner Fähigkeit Kapital zu schlagen. Und ich will wirklich kein Fernsehhund werden. In den Studios soll auch so eine Bullenhitze herrschen. Und ein paar Geheimnisse braucht unser einer schließlich auch. 

Als das Mittagsläuten von der nahen Kirche zu hören war, kam Lena die Treppe herunter, nahm meine Leine vom Haken und klinkte sie an meinem Halsband ein. Aber wir machten keinen Mittagsspaziergang sondern einen Einkauf, der mir allerdings viel Aufschluss gab über den weiteren Tagesverlauf. Wir gingen zuerst zum Supermarkt, bei dem meine Herrin Obst, Gemüse und Milchprodukte kaufte. Danach ging Lena in die Metzgerei. Als sie wieder aus dem Laden kam, roch es aus ihrer Tasche köstlich nach Koteletts, Würstchen und Bauchfleisch. Und das konnte nur eins bedeuten. Heute sollte Besuch zum Grillen kommen. Ich mag die Grillerei eigentlich nicht. Der Feuergestank geht mir auf den Geist. Aber immerhin fällt normalerweise eine ordentliche Portion ungewürztes Fleisch oft sogar mit Knochen für mich ab. Auch in der Bäckerei kaufte meine Herrin noch ein. Aber sie nahm von dort nicht nur Brot sondern auch Kuchen mit. Also würde der Besuch bereits zum Kaffeetrinken kommen.

Endlich wieder zu Hause angekommen, musste ich eine derbe Enttäuschung hinnehmen. Lena bereitete das Fleisch vor, würzte es und legte es ein, ließ aber nicht ein einziges Häppchen ungewürzt und schnitt nicht einen kleinen Knochen heraus. Was konnte das schon für ein Besuch sein, der Menschen ohne Not dazu treibt, den gerechten Anteil für den treuen Rottweiler zu vergessen? Und schon wieder musste ich an den stinkenden Kerl in meinem Alptraum denken. Im Grunde bin ich ein sehr wachsames aber auch gastfreundliches Haustier. Doch als die Kühlschranktür hinter dem Fleisch zuging, von dem ich nichts abbekommen sollte, war mir die Lust auf diesen Besuch schon vollkommen vergangen, obwohl er noch keinen Fuß in mein Revier gesetzt hatte. Und dann hieß es erst mal wieder warten.

Schließlich kam Carmen die Treppe herunter, deckte den Tisch und kochte Kaffee. Als sie die Thermoskanne mit dem Kaffee auf den Tisch gestellt hatte, ging sie noch einmal nach oben, um sich frisch zu machen. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern, bis der besuch kommen würde. Ich ging witternd und mit gespitzten Ohren im Flur auf und ab. Irgendwann hielt ein Auto vor unserem Hoftor und zwei Männer stiegen aus. Gemeinsam gingen sie auf die Haustür zu, wo sich der eine von dem anderen Mann verabschiedete, bevor er zurück zum Auto lief. Und der andere, der tatsächlich so stank wie der Typ in meinem Alptraum, wartete, bis er seinen Fahrer nicht mehr hören konnte, tastete nach dem Klingelknopf, wie ich es von Carmen kenne, die nichts sehen kann, wartete noch einmal ein bisschen. Und genau in dem Augenblick, als er Sturmklingeln wollte, um uns alle zu erschrecken, schlug ich kräftig an. Gegen solche Wichtigtuer habe ich wirklich was. Und weil er mich hatte ärgern wollen und mir schwitzend und mit dem falschen Männerparfüm so gewaltig stank, bekam er nicht gerade mein freundlichstes Begrüßungsbellen zu hören. – Ein Knurren im Ansatz, lautes Bellen in der Mitte und ein grollender Ausklang. Der Mensch erschreckte sich zwar zunächst gewaltig, blieb aber doch weitgehend unbeeindruckt und setzte bald zu dem geplanten Sturmklingeln an. 
”Emma, aus!” schrie Lena, als sie gemeinsam mit Carmen die Treppe herunter kam. Dieser keifende und gemeine Unterton in ihrer Stimme hätte wirklich nicht sein müssen, obwohl ich gerade die starke Lust verspürte, bei meinem Drohen noch einen Zahn zuzulegen, aus tiefster Brust zu knurren und deutlich hörbar die Lefzen hochzuziehen. Aber gehorsam, wie ich nun mal bin, stellte ich meinen Protest gegen diesen Stinkstiefel augenblicklich ein und verzog mich unter den Wohnzimmertisch. Ich konnte mich ja leider nicht vollkommen zurückziehen. Denn ich musste herausfinden, ob sich mein Alptraum tatsächlich bewahrheiten würde. Bei Menschen weiß man ja nie.

Zunächst unterhielten sich die Menschen im Flur. Und als ich seine Stimme hörte, fiel mir plötzlich ein, woher ich diesen Lackaffen kannte. Er war einmal mit Carmen ausgegangen, als ich noch ein Welpe gewesen war. Es war ein sehr langer Abend in einer Kneipe in der Innenstadt geworden. Er hatte fiel auf Carmens kosten getrunken, und er hatte geredet und geredet. Wen er alles kannte, was er alles konnte, was er alles noch vor hatte, wie schön er war, wie klug er war, wie fleißig er war usw. usw.
Und er hatte ihr geschmeichelt und das nicht nur, weil sie die Rechnung für diesen Abend begleichen sollte. Wie schön sie war, wie klug sie war, was sie alles wusste etc. Etc. aber woher wollte ausgerechnet er diese Dinge über sie wissen. Er ließ sie kaum zu Wort kommen. Und wenn sie doch etwas sagen durfte, hörte er ihr nicht richtig zu. Er wartete nur auf Schlagworte, die ihn interessierten, um dann wieder weiter von sich zu reden. Er heißt übrigens Horst.

Horst ließ sich von Lena in unser Wohnzimmer führen und setzte sich auf das Dreiersofa. Er beugte sich zu mir herunter, tätschelte mir die Seite und redete auf mich ein: 
”ach, Emma, wie schön, dass wir uns wieder sehen. Was für ein braver Hund du bist. So eine liebe Emma!” 

Carmen und Lena kamen mit dem Kuchen und setzten sich ihm gegenüber. Das passte Horst gar nicht und mir fiel ein, dass er schon damals in der Kneipe so sehr auf Tuchfühlung zu Carmen gegangen war. Sie hatte das nicht gemocht. Aber sie ist immer so gutmütig und zurückhalten, wie man bei solchen Typen nicht sein darf. Ich war und bin gewarnt. Und für dieses Mal war es erst einmal nichts mit der anmaßenden Annäherung. Beleidigt durch die Distanz seiner Artgenossinnen tätschelte Horst mir abermals die Seite und redete wieder auf mich ein:
”Na, Dicke, wie geht es uns bei dieser Hitze?”
Und Lena war so dumm darauf zu reagieren:
”Ja, also das ist so eine Sache bei dieser Art von Hunden. Selbst ich denke immer noch, dass sie zu dick und zu schwerfällig ist!”
Es war Carmen, die das aussprach, was ich dachte:
”Das, was Emma auf ihren kräftigen Knochen hat, ist ausschließlich bestes Muskelfleisch! Wovon sollte sie auch dick sein. Sie trainiert fleißig im Hundeverein und ist auch sonst nicht faul.”
Horst und Lena sprachen dem Kuchen reichlich zu. Und er redete und redete. 
Wen er alles kannte, was er alles konnte, was er alles noch vor hatte, wie schön er war, wie klug er war, wie fleißig er war usw. usw. Irgendwann erzählte er, dass er für sich und seine Tiere ein neues Zuhause suchte. Nach dem Auszug seiner Freundin konnte er sich die Wohnungsmiete nicht mehr leisten. Und meine Herrinnen zeigten ihm natürlich das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden. Carmen tat es aus reiner Gutmütigkeit, während ihre Zwillingsschwester es tat, weil sie diesen Kerl anhimmelte. – aber wofür nur?

Am Abend grillten sie und stießen auf ihre neue Hausgemeinschaft an. Und er redete und redete. 
Wen er alles kannte, was er alles konnte, was er alles noch vor hatte, wie schön er war, wie klug er war, wie fleißig er war usw. usw. Aber dazu kann man nur sagen, dass er das ist, was die Menschen einen Schaumschläger oder Dünnbrettbohrer nennen. Also kann ich ihn nur als einen Luftschnapper oder Wasserbeißer bezeichnen. Warum hatte er nicht wenigstens seine Hündin mitgebracht, damit wir uns ganz sachlich über die Menschen und die anderen Hausgenossen hätten unterhalten können?

Es war bereits schon längere Zeit dunkel, als Lena und ich Horst zur Bushaltestelle brachten und warteten bis er eingestiegen war. Auf dem Rückweg schimpfte meine Herrin mit mir:
”Was ist nur los mit dir, alte Miesepeterin? Du hast ja zu überhaupt nichts mehr Lust!”
”Och, so würde ich das nicht sagen. Es gäbe da schon ein paar Dinge auf die ich richtig viel Lust hätte, ein angenehm kühlendes Bad im hauseigenen Teich, eine angemessene Portion ungewürztes Fleisch nach Möglichkeit mit Knochen und die Aussicht auf eine unkomplizierte und nette Hausgemeinschaft.”

Autor: Texthase Online

Diesen Blog führe ich seit dem 16. November 2012. Als Autorin benutze ich das Pseudonym Paula Grimm. In diesem Blog findet Ihr nicht nur Prosatexte, Haikus und Essays sondern auch Wissenswertes über das Schreiben, Barrierefreiheit, Internetshops und Webseiten, die ich bei meinen Streifzügen durch das Web finde und alles, was mich privat und beruflich interessiert. Christiane (Texthase Online)

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