Der verlorene Augenblick – Prosa

Tach zusammen, hier kommt eine ältere Geschichte. Engel sind eine schöne Vorstellung. Aber Schutzengel vor allem „frischgebackene“ Schutzengel haben es nicht leicht. Ich hab‘ diese Geschichte einfach so gelassen, wie ich sie im Jahr 2005 geschrieben habe. Das kommt dabei heraus, wenn die Paula mal eineinhalb Stunden Zeit hat! 😉 Liebe Grüße Paula Der verlorene Augenblick Aus vielen Gründen hatten wir keine Chance diese Sache zu einem guten, irdischen Ende zu bringen, meine Schutzbefohlene und ich. Nie hätte ich gedacht, noch einmal etwas wie Müdigkeit empfinden zu müssen. Aber ich bin ja noch nicht lange dabei. Und Schuld daran hat dieses Loch in der Ewigkeit. Und so ein Loch gibt es nur auf Erden. Dieses Loch in der Ewigkeit dauerte noch nicht einmal eine Sekunde. Aber dafür war es unendlich tief. Das sind die fatalen Verhältnisse von Zeit und Raum. Das menschliche Auge kann in einer Sekunde acht Bilder wahrnehmen. Daher muss das Loch in der Ewigkeit eine geringer Dauer als eine Achtelsekunde gehabt haben. Denn für unsere Tätigkeit sind das menschliche Augenmaß und seine übrigen sinnlichen Fähigkeiten der entscheidende Maßstab. Denn der Mensch muss die Möglichkeit haben, uns wahrzunehmen,damit unser Schutz wirksam werden kann. Ob unsere Existenz in sein Bewusstsein dringt, ist dagegen vollkommen belanglos. Die Möglichkeit der Aufmerksamkeit, die den verschiedenen Sinnen eigen sind,stellt unserer Wirkmächtigkeit alle Facetten zur Verfügung, die sie benötigt. Da sie sich auf irdische Bedingungen erstreckt, ist sie nicht perfekt oder unendlich, aber sie ist doch sehr weitreichend, diese, unsere Wirkmächtigkeit. Du merktest, dass sie plötzlich da war. Und du merktest auch, dass sie ebenso plötzlich wieder verschwand. Dieses unendlich tiefe Loch in der Ewigkeit hat sie verschluckt. Es hat sich allerdings als ein einfaches Loch ausgegeben,als der Meter zwischen Bahnsteig und Gleisen. Diese Tarnung ermöglicht den Menschen eine offizielle Wiedergabe des Ereignisses. Aber allen direkt Beteiligten ist mit der Version für die Akten nicht geholfen. Du bist auch beteiligt. Und du solltest wissen, dass man an solchen Sachen nie freiwillig beteiligt ist. Und ich wende mich auch nur deshalb an dich, teile mit dir meine Gedanken, teile dir meine Gedanken mit, weil ich weiß, dass du beteiligt bist. Wenn man jemandem begegnet, der plötzlich da ist,um ebenso plötzlich zu verschwinden, ist einem dieser Mensch unwiderruflich nah gekommen. Und diese Nähe wird lebenslänglich gelten. Und ab und zu wird diese Nähe ihr Gesicht verändern. Aber du solltest wissen, dass einem der Mensch, der einem so zu nahe getreten ist, niemals freiwillig und oft auch ohne Absicht. Und so wie dieser Mensch kam und ging, ist er nicht mehr als ein Phantom. Menschen sollen so weit als möglich davor geschützt werden mit Phantomen leben zu müssen. Und zu schützen, das ist meine Sache. Und darum sollst du etwas über sie wissen. Sie war siebzehn Jahre alt und hieß Jasmin. Oh, ja, sie war in deinem Alter. Nicht nur durch ihre Größe, durch die sie dir aufgefallen war, war sie eine auffällige Person. Sie lebte bereits seit vier Jahren von jeglichem heimischen Gefühl entfernt. Sie war immer unterwegs. Sie kam schon lange nicht mehr irgendwo an. Sie wäre schwarz mit der Bahn gefahren, die sie vorläufig unter sich begraben hatte. Sie wäre eingestiegen und irgendwann ausgestiegen, um so zu tun, als könnte sie noch irgendwo ankommen. Sie hatte ein leeres Gesicht mit dunklen Augen. Und sie stand sehr nah bei den Gleisen. Sie merkte es nicht. Denn auch an der Stelle, an der sie stand, war sie nicht wirklich angekommen. Sie war allen Gefahren immer nahtlos auch dieser. Sie hatte ein leeres Gesicht mit dunklen Augen. Das Schlagzeilenwissen von Morgen, das Übermorgen schon älter sein wird als alles Andere auf dieser Welt, wird zu wissen glauben, dass es auf jeden Fall an Drogen gelegen haben muss. Aber die haben in ihrem Fall nichts damit zu tun. Das leere Gesicht, der fehlende Augenblick, der so plötzlich zu einer unwiderruflichen Konsequenz, zu ihrem Todesfall führte, kommt vom Aufsehen, vom Hinsehen, ohne zu sehen, vom Wegsehen, ohne den Blick abwenden zu müssen. Ständig aufgesehen zu werden, hat sehr bald zur Konsequenz, dass man bald keinen eigenen Augenblick mehr hat. Diese Art den Augenblick zu verlieren, wird immer häufiger. Du, Verena, hast auch keinen Augenblick mehr. Jasmins augenblickloses Gesicht ist deinem fehlenden Augenblick begegnet. Von ihrem eigenen fehlenden Augenblick hat sie gewusst. Aber sie hat ihn mit aller Macht und Gewalt erst zu spüren bekommen, als sie dein Gesicht sah. Sie wankte. Das konnte sie sich nicht erlauben. Denn sie stand ja schon zu lange den Gefahren nahe, um nicht von einer von ihnen verschluckt zu werden. Du willst die Erklärungen und die Versuche zu verstehen nicht hören. Du redest dich jetzt heraus, dass das sowieso nicht reicht. Und es wird bei den Menschen immer beliebter verstehen und erklären mit entschuldigen zu verwechseln. Das ist wunderbar einfach. Und es hilft im Augenblick. Denn dann hat man immer jemanden, den man beschuldigen kann, den man der falschen Entschuldigungen bezichtigen kann und zwar überall, wo es ja ohnehin keine Entschuldigungen geben kann. So bleibt einem erspart, den versuch unternehmen zu müssen, sich menschlichen Dingen gleichermaßen mit Gefühl und Verstand stellen zu müssen. Wenn es überhaupt eine Schuld gibt, dann ist es in diesem Fall die Schuld der Aufseher, die das An- und Hinsehen absichtlich verlernen. Es werde immer mehr habgierige Blicke, die sehen und nichts erkennen, um sich schnell aus dem Staub machen können, um selbst nicht gesehen zu werden. Übrigens, der Fahrer der Bahn hatte auch keine Schuld und keine Chance. Er konnte nicht mehr gegen das unselige Gesetz der Geschwindigkeit tun, als die Bremse zu betätigen. Aber um ihn kümmert sich jetzt schon ein anderer Schutzengel. Ich lasse mich auf die Schuldfrage nicht ein. Das ist Chefsache, was für das Stopfen von unendlich tiefen Löchern in der Ewigkeit ebenfalls gilt. Und diese Aufgabenteilung ist das Einzige, das mich in solchen Augenblicken, wenn ich das Fehlen eines Augenblicks zu spüren bekommen habe, trösten kann. In Ewigkeit und Unendlichkeit wird alles gut für Euch.” © Paula Grimm, Mai 2005

Autor: Texthase Online

Diesen Blog führe ich seit dem 16. November 2012. Als Autorin benutze ich das Pseudonym Paula Grimm. In diesem Blog findet Ihr nicht nur Prosatexte, Haikus und Essays sondern auch Wissenswertes über das Schreiben, Barrierefreiheit, Internetshops und Webseiten, die ich bei meinen Streifzügen durch das Web finde und alles, was mich privat und beruflich interessiert. Christiane (Texthase Online)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s