04. Doppelhochzeit

Guten Tag Ihr Lieben,

freitags immer Felicitas! Hier kommt das vierte Kapitel, in dem Felicitas die Möglichkeit daran gehindert wird, die Hochzeit vo Richard doch noch im letzten Augenblick zu verhindern.
“Wer etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hat, rede jetzt oder schweige immerdar!” -
Da sind auch noch die Tauben und anderer Ärger!
Ich wünsche Euch gute Unterhaltung!

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)

04 Doppelhochzeit

Es ist halb zwei. Ich gehe in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Selbstverständlich ist das, was ich zu dieser Doppelhochzeit tragen soll kein umgenähter Sack, der nachgearbeitet werden muss. Wie Terry trage auch ich einen hellen Hosenanzug. Ich weiß nicht genau, um welchen Stoff es sich handelt. Aber es ist leicht glänzendes Material. Also wird es wohl Viskose oder so etwas sein. Hose und Oberteil passen wie angegossen, denn Terry hat den Anzug voriges Wochenende für mich genäht. Aber was nützen der feinste Zwirn und die sorgfältigste Näharbeit gegen einen grobschlächtigen Körperbau und eine Hackfresse? Nachdem ich mich vergeblich in Festtagsschale geworfen habe, gehe ich ins Badezimmer und flechte meinen Bauernzopf neu. Wenigstens habe ich einige schöne Spangen. Auch ich befestige meinen Zopf mit einer blauen Blumenspange. Danach werfe ich natürlich noch einen pflichtbewussten Blick in den mannshohen Spiegel und stelle halblaut das fest, was ich immer feststellen muss:
“Gerade noch annehmbar!”
Das muss genügen!

Lenchen nimmt den VW-Bus, der in unserer Garage steht, um Senta und mich zur St. Marienkirche nach Holt zu fahren. Kurz vor dem Ortsausgangg von Tannhuysen müssen wir stehen bleiben, denn ein großer Lieferwagen versperrt die Landstraße. Der Grund dafür ist, dass die Bauarbeiter, die gerade die Tannhuysenburg renovieren, Ire Sachen in den Lieferwagen schaffen, um ins wohlverdiente Wochenende zu gehen. Der Bau wird Burg genannt, weil er über dem ersten Stock noch einen Turm hat, in dem sich drei Zimmer befinden. Bis vor wenigen Wochen war der hässliche Klotz noch graugrün gestrichen. Inzwischen steht er glänzend weiß da. Aber er wirkt immer noch klotzig und abweisend. Geplant und aufgestellt wurde diese Bausünde Mitte der zwanziger Jahre. Bis weit in die sechziger Jahre betrieb eine Familie namens Van den Bruc in diesem Bau eine Pension, eine Kneipe und das Freibad, das sich hinter der Burg befand. Ich mag dieses Haus nicht. In seiner Nähe fühle ich mich immer unbehaglich. Das liegt an vielen Dingen. Der Bau wirkt nicht nur abweisend und größenwahnsinnig. Lenchen ist hier aufgewachsen. Ihre Mutter war Dienstmädchen bei den Van den Brucks. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Lenchen das Ergebnis aus der Unzucht mit Abhängigen ist, die der Hausherr mit ihrer Mutter getrieben hat. Lenchen wurde in diesem Bau wie eine Sklavin gehalten. Die Bauarbeiten müssen inzwischen fast beendet sein. Denn man hat neue Böden eingezogen und Fenster eingesetzt.
“Was wollen die mit diesem Klotz machen?” fragt Lenchen.
“Vorgestern stand in der Zeitung, dass jemand es gekauft hat und ein Hotel daraus machen will und zwar vor allem für Fahrradtouristen!”
“Muss das wirklich sein?” meint Lenchen und schüttelt heftig den Kopf. Die Bauarbeiter steigen in den Lieferwagen und fahren los.

Als Lenchen Senta und mich am Parkplatz zwischen Kirche und der Gastwirtschaft zum Rappen aus dem Auto lässt, läuten schon die Hochzeitsglocken. Es ist acht Minuten vor zwei.

“Bis nachher dann!”
“Wieso, bis nachher?”
“Ich muss doch im Lokal aushelfen. Die Schwiegertochter meiner Cousine ist doch im Krankenhaus!”
“Dich kriegen sie aber auch immer dran!”
“Das musst du gerade sagen!” sagt Lenchen und schließt den VW-Bus ab.

Wir gehen auf die Kirche zu. Ich schätze die Zahl der Gäste auf 200 bis 220. Gern hätte ich mich langsam angeschlichen, um mich in der Menschentraube so gut wie unsichtbar zu machen. Aber Sexyhexy liegt auf der Lauer und kommt gefolgt von Elfi auf mich und Senta zu.
“Hallo Lici Schätzchen! Bevor ich es vergesse, du sitzt in der ersten Reihe rechts außen neben Jan-Niklas und Senta. Du musst ihnen nach der Trauung beim Blumenstreuen helfen. Der Korb mit den Blumen steht schon bei deinem Platz.”
Das bedeutet, dass ich außen gehen muss, um Blumenkinder und Brautpaare nicht zu verdecken. Und ich habe keine Ahnung, wie ich es anstellen soll, den Kindern die Blumen unauffällig zu übergeben, ohne dass ich den Fotografen oder Videofilmern die Sicht versperre und das Bild damit versauee.
“Ich tue mein Bestes! Habt ihr das eigentlich mal irgendwie geprobt?”
“Das kann doch wohl nicht so schwer sein, wenn du dir ein Bisschen Mühe gibst!”
“Auch Kitsch und Romantik wollen gelernt und geübt sein, zumindest, wenn man sie in so großem Stil betreibt!”
Ich soll heute doch klar und deutlich meine Meinung sagen. Da war doch was, oder?
Sexyhexy sieht mich ungehalten an. Dann sieht sie auf Senta herab. Und ich sehe ihr an, dass sie etwas über den Bauernzopf sagen will. Aber in diesem Augenblick meldet sich Elfi zu Wort. Sie ist, wenn ich mich recht entsinne, Sentas Patin. Und wenn sie auch bezogen auf die weiße Hexerei spinnt, ihr Interesse und ihre Zuneigung Senta gegenüber sind echt.
“Hallo Senta! Du siehst heute aber schick aus. Und was für einen schönen Bauernzopf du hast, und so eine hübsche Spange dazu!”
Da bleiben Adelheid die Worte im Halse stecken. Denn alles, was Elfi sagt ist irgendwie Gesetz, obwohl die jünger ist als Sexyhexy.
“Ich muss dann mal zu Sonja. Ihr geht schon mal ‘rein und nicht vergessen aufzustehen, wenn die Brautleute in die Kirche schreiten!” Ich nehme Senta an der Hand und gehe mit ihr auf den Haupteingang der Kirche zu.

Je näher wir der Kirche kommen, desto unbehaglicher wird mir. Ich war bereits zweimal in diesem Prachtbau, dessen Innenleben im Rokokostil gestaltet ist. In dieser Kirche habe ich zum ersten Mal gebeichtet und meine erste heilige Kommunion empfangen. In der Zeit, als ich das Bußsakrament und die erste heilige Kommunion empfing, wurde St. Johannes in Tannhuysen gerade aufwendig renoviert. Opa Heinrich hat mir früher die verschiedenen Bau- und Kunststile gezeigt. Romanik, Gotik, Renaissance und Barock gefallen mir wirklich. Aber Rokoko ist mir einfach zu viel. Dabei ist der Ausgangspunkt für diese Kunstrichtung eine einfache Muschelform. Das hat mir Opa Heinrich erklärt und gezeigt. Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, als ich die Kirche betrat, in den Beichtstuhl ging und ausgedachte Sünden beichtete. Opa Heinrich hatte mir erklärt, dass man religiösen Schmuck Devotionalien nennt. Und er hatte mich gefragt, wie es bei der Beichte war. Und ich habe ihm geantwortet:
“Der Weg zur Hölle ist mit prunkvollen Devotionalien gepflastert!”
Ich habe mich noch nie so eingesperrt und bedrückt gefühlt wie in dem prunkvoll verzierten Kasten in diesem überladenen Bau.

Senta und ich gehen in die Kirche, in der bereits viele Hochzeitsgäste Platz genommen haben. Im Vorübergehen nehme ich mir ein Gesangbuch aus dem Regal, obwohl ich weiß, dass ich nicht singen werde. Aber jeder nimmt sich ein Buch mit. Und ich will, dass es so normal als möglich aussieht, wenn ich schon hier sein muss. Ich gehe mit Senta nach vorn und setze mich auf den Platz rechts außen, vor dem auch ein Korb mit Blumen steht. Auch diesmal fühle ich mich sehr bedrückt in St. Marien. Ich sehe mir die Bilder und den anderen Zierrat nicht an. Ich fühle aber, dass er da ist. Und es fühlt sich so an, als wäre überhaupt kein Platz mehr für die Menschen in diesem Kirchenraum.

Und dann beginnt die Orgel zu spielen. Ich rappele mich auf, um den Brautpaaren und ihren Trauzeugen zuzuwinken und zu applaudieren. Aber plötzlich muss ich mich an der Kniebank vor mir Festhalten. Denn das Orgelspiel geht mir durch Mark und Bein. Auch für die Töne ist offenbar kein Platz mehr. Zu den Tönen der Orgel höre ich ein furchtbares Geräusch. Es hört sich an, als ob jemand mit einem Nagel an einer Glasscheibe Kratzt. Und das Geräusch stürzt von überall her auf mich ein. Es kommt aus den Fenstern, den Wänden und dem Boden. Mir tut alles weh. Und ich bin wie gelähmt. Ich kann mich nicht bewegen. Und ich weiß, dass ich nicht schreie, obwohl ich das Geräusch so laut höre, dass ich mich selbst nicht mehr schreien hören könnte, wenn ich zum Schreien fähig wäre. Das Kratzen klingt immer wieder anders, je nach dem, wie die Orgel spielt. Es schwillt auf und ab. Außerdem verändert es seinen Rhythmus. Und als die Orgel verstummt, muss ich mehrfach tief ein- und ausatmen, um mich hinsetzen zu können.

Nach dem Vorspiel der Orgel hat sich in mir etwas verändert. Der Schmerz hört sofort auf. Aber ich nehme alles um mich her klarer und deutlicher wahr als zuvor. So ist keine Geste und kein Mienenspiel der Menschen, die um mich herum sind, klein genug, dass ich sie nicht erkenne. Die Brautpaare und ihre Trauzeugen haben vorne Platzgenommen. Als ich Sophia und ihren Trauzeugen sehe, erkenne ich in diesem hochmütigen, jungen Mann nicht nur denjenigen wieder, den ich beim Kartenlegen gesehen habe. Ich sehe auch die vielen kleinen Zeichen, die beweisen, dass sie seit Langem mehr als befreundet sind. Und ich nehme nichts wahr, dass zeigt, dass sie nicht noch immer ein Paar sind. Also gibt es auf jeden Fall zwei Gründe etwas gegen diese Verbindung einzuwenden, wenn der Priester die Gemeinde dazu auffordert. Richard und Terry sind füreinander bestimmt, obwohl Richard das noch nicht weiß oder nicht wahr haben will. Und die Beziehung von Sophia zu diesem jungen Mann ist nicht zu ende. Zuerst hoffe ich noch, dass ich den Mut und die Kraft aufbringe, diese Verbindung zu verhindern. Ich hoffe es, obwohl ich mich immer noch wie gelähmt fühle. Doch meine Hoffnung wird ganz zerstört, weil die Orgel wieder spielt. Und diesmal singt die Gemeinde auch noch dazu. Und da ist es wieder, dieses Kratzen von Nägeln auf Glas. Und diesmal gelingt es mir nicht, mich mit ein paar Atemzügen fast wieder ganz herzustellen. Mir tun die Ohren weh. Ich bin alles Andere als betäubt aber wie gelähmt.

Und es kommt, wie es kommen muss. Sie heiraten. Zuerst sind Winfried und Sonja an der Reihe. Schließlich wendet sich der Priester noch einmal an die Gemeinde, bevor die Zeremonie für Sophia und Richard beginnt.
“Wer etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hat, redes jetzt oder schweige immerdar!” Ich zittere und habe keinen Frosch sondern eine riesige Kröte im Hals. Und schnell, viel zu schnell, ist die Chance vertan.
Der Priester spricht mit Richard und Sophia. Und dann sehe ich, wie Richard Sophia den Ring ansteckt. Der Ring interessiert mich nicht. Denn jeder Weiß, dass Richard ein hervorragender Gold- und Silberschmied ist. Mich interessieren die Hände. Mich interessieren alle Hände. Und obwohl ich nicht weiß, wie oft ich diese Männerhände schon gesehen habe, ist es, als sähe ich sie zum ersten Mal. Es liegt wohl auch daran, dass man das, was man zu kennen glaubt und oft gesehen hat, meist nicht mehr genau ansieht. Es liegt wohl aber auch daran, dass ich Richard länger nicht gesehen habe. Und es liegt wohl auch an meiner überdeutlichen Wahrnehmung. Ich sehe Richards Hände, die Terry so oft geholfen haben, und ich weiß, dass auch die Hände zeigen, dass Richard um die falsche Hand angehalten hat, und dass Richard und Terry füreinander bestimmt sind und in die Hände des jeweils anderen gehören. Richards Hände haben von der Handwurzel bis zu den Fingernägeln eine passende Form. Sie sind stark und haben eine starke Ausstrahlung. Sie können nicht nur feinste Gold- und Silberschmiedearbeiten ausführen. Sie sind wie die Hände von Opa Heinrich, Oma Isabel, Terry und meiner Wenigkeit für alles Handwerkliche gut geeignet. Doch diese Hände sind nicht nur Werkzeuge für alle Fälle. Sie strahlen auch Gefühl und Zärtlichkeit aus. Und ich sehe vor mir, wie Terry Richard über die Hände neu kennen und lieben gelernt hat. Sie kennen einander aus Kindertagen. Man kennt sich eben in einem Ort wie Tannhuysen, auch wenn man nur mit den Altersgenossen zusammen ist. Richard ist fünf Jahre älter als Terry. Eines Nachmittags, als Terry in die Stadt fuhr, um sich bei ihrer Lehrherrin vorzustellen. Der Bus war schon ziemlich voll. Terry hielt sich an einer der Haltestangen fest, um im Bus stehen bleiben zu können. Und da sah sie die Hand von richard, der sich ebenfalls an der Stange festhielt. Und ich bin mir sicher, dass sie sofort wusste, dass es seine Hand war, obwohl sie noch nicht in sein Gesicht gesehen hatte. Und ihr kam es damals genau wie mir jetzt, so vor als sähe sie diese Hand zum ersten Mal. Und ich weiß, was er nicht weiß, was niemand weiß, wie sie ihn seit jenem Nachmittag in ihren Gedanken nennt, Streichelbär. Terry hat mir nie erzählt, dass es so gewesen ist. Aber ich weiß, dass ich mich nicht irre. Ich sehe mir Richards beide Hände nacheinander noch einmal kurz und genau an. Und obwohl ich sie nicht aus nächster Nähe gesehen habe, weiß ich, dass ich diese Hände ab heute immer erkennen werde, so alt sie auch werden mögen, ob ich sie sehe oder ihm die Hand gebe, ob ich sie aus nächster Nähe sehe oder wie jetzt von Weitem, oder ob ich ihre Innenflächen sehe oder fühle, die ich jetzt nicht sehen kann.

Zum Heiraten gehört auch die Küsserei. Das ist unvermeidlich. Und auch das bleibt Terry und mir nicht erspart. Und ich bin froh, dass ich dieses Elend nur sehen und nicht auch noch hören, fühlen und schmecken muss. Alles an dieser Hochzeit ist mehr als falsch. Und darum ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass es auch mit diesem Kuss alles Andere als seine Richtigkeit hat. Zu sehen wie Richard Sophia küsst, ist rührend. Richard küsst Sophia liebevoll. Sein Kuss wirbt um sie. Und er himmelt sie an. Und trotz aller Aufrichtigkeit stimmt irgendetwas mit diesem Kuss nicht. Ich verstehe im Moment nicht, was es ist und beschließe mich später damit zu befassen. Dagegen ist offensichtlich, dass die Art, mit der Sophia Richards Kuss erwidert, nicht zu ihm und zu seinem Kuss passt. Sie küsst ihn überschwänglich. Und diese Überschwänglichkeit ist, das muss man neidlos anerkennen, eine großartige Show für die Hochzeitsgesellschaft. Aber außer dieser Überschwänglichkeit kann ich nichts bei ihr erkennen. Und das ist auch nicht verwunderlich. Denn diese übertriebene Art hat, mir fällt keine bessere Beschreibung ein, von Grund auf Gefräßiges an sich. Sollte Sophia für Richard tiefe Zuneigung oder Liebe empfinden und ihn häufiger so überschwänglich behandeln, wird bald von ihrem Gefühl nichts mehr übrig sein, von ihrer Überschwänglichkeit aufgefressen. Überdeckt ihre Überschwänglichkeit ihr Gefühl, das noch da ist, oder ist es schon weg? - Ich sehe, wie sie einander küssen und mir wird zusätzlich zu meinen fürchterlichen Ohrenschmerzen auch noch speiübel. Also bleibt mir nichts übrig als mehrfach tief Luft zu holen und heftig zu schlucken. Ich bin mir sicher, dass ich nicht schreie oder kotze, aber ich merke, wie mich alle plötzlich ansehen. Dabei habe ich nichts ausgefressen. Ich wünsche mir, dass sich der Boden von St. Marien auftut und mich verschlingt. Und wie heute Morgen tut sich auch jetzt der Boden nicht auf, um mir zu helfen. Aber Hilfe kommt und zwar von hinten. Denn mit einem Mal steht Senta die Ältere, Sentas Oma, die eine meiner Patinnen ist, weil sie seit vielen Jahren mit meinen Großeltern und Terry befreundet ist. Sie ist eine Seele von Mensch wie Lenchen, die meine zweite Patin ist. Was das betrifft, habe ich wirklich großes Glück gehabt. Senta, die Senta der Jüngeren vieles von ihrer Art und ihrem Aussehen vererbt hat, wischt mir die Augen. Und dass ausgerechnet ich bei diesem Affentheater heule wie ein Schlosshund und es zunächst gar nicht merke, ist mehr als peinlich. Dass mir die Tränen gekommen sind, wird mir erst klar, als meine Patin mir die Tränen aus den Augen wischt. Dann legt sie ihre Hände flach an meine Ohren. Und zu meinem Erstaunen hören die Ohrenschmerzen nach und nach auf. Und genau in dem Augenblick, als sie abgeklungen sind, nimmt Senta ihre Hände weg und flüstert mir ins Ohr:
“Darüber reden wir nachher!”
Ich nicke verwirrt, und sie geht zu ihrem Platz in der hintersten Kirchenbank zurück nicht ohne die bösen und misstrauischen Blicke der Leute zu erwidern, die diese ihr zu werfen.

Mir ist nicht mehr schlecht. Und auch die Ohrenschmerzen kommen nicht wieder. Sie kommen Gott sei Dank nicht wieder. Da kann die Orgel mit allen Registern spielen, die Gemeinde mit ihrem Gesang hinterher schleppen und die Sopranistin das Ave Maria trällern, oder wie man das nennt, wenn jemand bei klassischem Gesang furchtbar übertreibt. Sogar das angestrengte und falsche Pathos, dass der Gemeindepfarrer von St. Marien, Thomas Münzer, in seine Worte legt, kann zumindest in dieser Messe meinen Ohren nichts anhaben. Und dann folgt die Wandlung. Und ich muss mich entscheiden, ob ich heute das Abendmahl nehme oder nicht.
Und ich muss mir eingestehen, dass ich weder mit dem Verstand noch mit dem Herzen begriffen habe, was es mit dem Verhältnis von Abendmahl und Reinheit wirklich auf sich hat. Und wie jedes Mal, wenn ich eine Messe besuche, fallen mir die beiden Sätze ein, die eben dieser Thomas Münzer, der da vorn am Altar steht, gesagt hat.
“Das Abendmahl macht uns von allen Sünden rein. Nur reinen Herzens und Gewissens sind wir würdig, dass Abendmahl zu empfangen.”
Und nicht zum ersten Mal entscheide ich mich dafür auf das Sakrament zu verzichten. Schließlich habe ich in der letzten halben Stunde in dieser Kirche etwas erlebt, dass mir ganz fremd ist, so fremd ist, dass ich nicht weiß, ob es rein oder unrein macht. Also bleibe ich in der Bank und bereite mich auf den Auszug aus der Kirche vor. Bei der habe ich ja leider eine tragende Rolle.

Ich sehe mich um. Nach oben muss man nicht sehen, wenn man einen geordneten Rückzug planen will. Doch als ich den Gang entlang blicke, den Jan-Niklas, Senta und ich nachher möglichst elegant und ohne Zwischenfälle gehen müssen, sehe ich unwillkürlich auch nach oben. Und da sehe ich sie, Maria, nicht als Gottesmutter sondern als Himmelskönigin. Und ein Schreck fährt mir durch den ganzen Körper und danach wird mir eiskalt, weil ich mich plötzlich an den Tag meiner ersten heiligen Kommunion erinnere. Mir fällt ein, dass ich beobachtete, wie meine Oma Isabel nach der Messe den Gang entlang und unter diesem Bild hergegangen ist. Seit diesen Momenten am weißen Sonntag 1986 weiß ich, was damit gemeint ist, wenn man sagt: “nur unter Todesverachtung.”
Unter der Last ihrer gemischten Gefühle schien sie nur zentimeterweise vorwärts zu kommen. Sie sah ängstlich verzweifelt und gedemütigt aus. Mir tut diese Erinnerung so weh, dass ich meinen Blick nicht mehr allein von dieser aufgedonnerten Person in Gold und Edelsteinen mit leuchtendem Gesicht und goldblondem Haar abwenden kann. Und plötzlich weiß ich, was sich in mir am Anfang der Messe verändert hat. Ich bin zu allem Übel auch noch hellhörig geworden. Aber es tröstet mich, dass dadurch Oma Isabel an meine Seite getreten ist. Und ich höre sie reden, genauso wie sie zu ihren Lebzeiten mit mir gesprochen hat.
“Denk’ daran, was ich dir über das Beten gesagt habe. Du wirst es bald brauchen.”
Und natürlich erinnere ich mich sehr genau, was meine Großmutter über das Beten in aller größter Seelennot seiner Zeit gesagt hat.
“Wenn du in größte Seelennot kommst, Angst hast oder von Zweifeln zerfressen wirst, dann geh’ in eine leere Kirche, stelle dich aufrecht vor den Altar und bete mehrmals das Vaterunser oder ein kleines Gebet, das von dir selbst ist. Denk’ daran dich vor dem Kreuz aufrecht zu zeigen. Mach’ es nicht wie die Nonnen und knie dich hin oder krümme dich zusammen. Leute wie wir können uns nur vor Gott und dem Kreuz aufrecht zeigen und aufrichtig sein. Und nimm’ nie einen Rosenkranz mit und bete nie das Ave-Maria. Das schadet Frauen wie uns.”
Und es ist gut, dass sie mich daran erinnert. Ich weiß, dass ich es bald brauchen werde.

Jetzt ist die Messe bald zu ende. Nur noch ein Gebet, der Segen und das Schlusslied sind übrig. Ich sammle mich, um zur richtigen Zeit zu meinem Auftritt durchstarten zu können. Und dann kommt endlich das Orgelnachspiel, das den Zweck hat, die Leute aus der Kirche zu schicken. Ich nehme den Blumenkorb über den linken Arm und bin verwundert, wie fließend und damit elegant ich diesen Bewegungsablauf mache. Und ich schaffe es auch gemessenen Schrittes rechts neben den beiden Kindern zu gehen. Und das Tempo, mit dem wir vor den Brautpaaren schreiten, ohne dass ich den beiden Videofilmern die Sicht auf Kinder und Brautpaare versperre, ist zu meinem Erstaunen genau passend. Das funktioniert sogar vollkommen ohne Probleme, als wir die fünf Stufen vor der Kirche herunter gehen müssen.

Und dann kommt die ganze Gesellschaft vor der Kirche zum stehen. Zwei Männer in taubengrauen Anzügen kommen, und jeder von ihnen stellt einenKorb vor den Brautpaaren ab. Muss diese kitschige Nummer wirklich sein? Ich habe keine Angst vor diesen Viechern. Aber ich kann sie überhaupt nicht ausstehen, die Ratten der Luft. Vor allem die Geräusche, die sie machen, kann ich nicht ab. Ihr Gurren geht mir auf den Geist. Und sie trauen sich meist nahe an einen heran, so dass man ihren Flügelschlag sehr deutlich hört. Und während ich zusehe, wie jeder der Brautleute eine Taube auflässt, muss ich daran denken, wie sich die wilden Verwandten dieses Viehzeugs abends vor meinem Fenster um die besten Schlafplätze streiten. Und ich frage mich, wie sich ausgerechnet die Ratten der Luft zum Symbol für Frieden gemausert haben. Winfried lässt als Letzter eine Taube auf. Und dieses unverschämte Vieh fliegt direkt auf mich zu, anstatt es ihren Artgenossen gleich zu tun und um die Hochzeitsgesellschaft herumzukreisen. Ich ducke mich. Sie gurrt und ist wahrscheinlich beleidigt über die fruchtlose Attacke. Sie fliegt wie die anderen einmal um die versammelte Menge, kommt dann wieder auf mich zu und kreist mehrmals im Tiefflug um meinen Kopf.
“Wenn du mich bescheißt oder hackst, finde ich eine Möglichkeit dich kalt zu machen!” fauche ich sie an.Und schließlich folgt sie ihren Schwestern, die sich schon längst auf den Heimflug in ihren Schlag gemacht haben.

Doch damit ist das Thema Tauben noch nicht erledigt. Als die lästige Luftratte endlich davon geflogen ist, sehe ich mich um und beobachte, wie Winfried, Sonjas Bräutigam, Terry anspricht. Und diesmal fährt mir der Schreck, den ich bekomme, nicht nur durch alle Glieder. Er Packt auch meinen Geist und meine Seele. Denn während Winfried mit meiner Mutter wie immer in wohlmeinender Herablassung spricht, sehe ich ihn mit einer Taubenmaske dastehen. Ich bin auf einen Schlag nicht nur starr vor Schreck sondern auch wie in Eis erstarrt. War mir jemals zuvor so kalt? Schließlich wendet sich Winfried von Terry ab und seiner Braut zu. Und augenblicklich ist die Taubenmaske wieder von seinem Gesicht verschwunden. Und es fühlt sich so an, als ob die riesigen Eisbrocken, die mich eben noch eingeschlossen hatten, einer nach dem anderen von mir abfallen. Und dann fühle ich, eine leichte Hand an meiner Schulter und drehe mich um. Meine Patin Senta sieht mich ruhig an. Sie tippt sich mit einem Finger an die Lippen, ich beuge mich zu ihr herunter, und sie flüstert mir ins Ohr:
“Ich hab’ sie auch gesehen, die Taubenmaske. Komm’ mit!”
Und sie führt mich ruhig zu dem Tisch, an dem sich die Hochzeitsgäste mit Getränken versorgen, um den vier Brautleuten zuzuprosten.

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