Guten Tag Ihr Lieben,
man darf sich nicht beirren lassen! Aus diesem Grund fahre ich jetzt zweigleisig und arbeite an beiden Büchern. Des gilt, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Darum bekommt der Roman Orca den letzten Schliff und wird weiter am Felicitasprojekt gearbeitet. In dem folgenden Kapitel könnt Ihr lesen, was in der Kirche St. Marien in Holt und mit dem Bild der Himmelskönigin passiert. Ursprünglich hatte ich die Absicht die nachfolgenden Ereignisse in der Kirche im Rokokostil auch in diesem Kapitel zu beschreiben. Aber sie kommen bdann im nächsten Post des Felicitasprojekts. Ich wünsche Euch gute Unterhaltung mit der Feuertaufe, wünsche Euch alles erdenklich Gute und für die eigenen Projekte gutes Gelingen!
Liebe Grüße
Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
Auf der obersten Stufe vor dem Altar hielt ich einen Augenblick inne und holte tief Luft. Ich war nicht außer Atem. Der Weg war ja auch eigentlich nicht weit gewesen. Und ich hatte ihn keineswegs langsam aber auch ohne große Hast zurück gelegt. Aber es war alles Andere als eine einfache Sache gewesen unter dem prachtvollen Portrait der Himmelsgöttin hindurch zu gehen. Obwohl sie zeitweise an Glanz verloren hatte, war sie keineswegs ohnmächtig gewesen. Und ihre Macht hatte nach mir gegriffen.
Ich trat vor den Altar, faltete die Hände und blickte zum Kreuz hinauf, direkt in das Gesicht des Mannes, der an das Kreuz genagelt worden war. Obwohl auch der Gottes Sohn am Kreuz von Menschen Hand gestaltet worden war, hatte ich doch den Eindruck in das Gesicht eines Menschen zu blicken. Das war ein deutlicher Unterschied zu dem Anblick, der sich mir bei der Konfrontation mit dem Bild der Himmelskönigin geboten hatte. Und dieser Anblick tat mir gut. So fiel es mir leicht mit dem Beten anzufangen:
“Herr im Himmel, hilf’ mir, dass ich die Seelen von Oma Isabel und Mamita von ihren Lasten befreien kann oder gib’, dass etwas kommt und mir dabei hilft! Hilf’, dass sie wieder werden, was sie von je her sind,Frauen mit Kopf, Herz und Hand. Ich weiß, dass sie das auch über den Tot hinaus sind. Ich weiß, dass mir ihre Seelen beistehen und helfen möchten. Und ich bitte dich, dass sie das auch vollkommen frei tun können. Hilf’ mir dabei herauszufinden, was ich wissen muss. Und gib’ mir die Kraft zu überleben. Denn das ist erst der Anfang.”
Und dann gingen mir schon die eigenen Worte aus. Und ich begann das Vaterunser zu beten. ich sprach das Gebet, das uns Jesus selbst gelehrt hatte, abwechselnd in deutscher und in spanischer Sprache. Die Worte sprach ich halblaut vor mich hin. Und während ich betete, blickte ich die ganze Zeit Jesus am Kreuz an. Und plötzlich war es mir als ob der Mann am Kreuz leicht seinen Kopf zu mir herunter neigte. Und ich hielt inne, um zu lauschen, zu sehen und zu spüren, was sich verändert hatte, was geschehen sollte.
Ich spürte Salvadora neben mir. Auch sie blickte aufmerksam zu Jesus auf. Dann duckte sie sich, um Schwung für einen großen Satz zu holen und sprang nach oben. Ihre Vorderpfote berührte mit der Stelle, auf der die blaue Taube zu sehen war, die linke Hand am Kreuz, an der Blutstropfen zu sehen waren. Aber, als der Puma mit allen vier Pfoten wieder auf den Fliesen stand, war das Blut an der Hand und dem Nagel nicht mehr zu sehen. Ich hörte, dass das Kirchenportal krachend zufiel. Salvadora drehte sich um und sprang die Stufen hinunter, lief noch ein paar schnelle Schritte und machte abermals einen Satz nach oben. Diesmal berührte ihre Pfote mit dem Taubenbild das mit Goldfäden durchwirkte Purpurgewand der Himmelskönigin. Wieder auf festem Boden tat mein Krafttier einige kleine Schritte rückwärts und sah auf die Stelle, an der sie den prachtvollen Umhang mit ihrer Pfote und Jesu’ Blut daran berührt hatte. Mit Salvadora eng verbunden sah auch ich genau hin. Und mich packte blankes Entsetzen. Am Gewand der Himmelskönigin leckte eine Flamme.
“Fee, das ist deine Feuertaufe. Du musst nichts tun als aufmerksam sein und ruhig ausharren!”
Meine innere Stimme hatte leicht reden. Als ich mich umgedreht hatte, um zu sehen, was Salvadora tat, und um vielleicht auch herauszufinden, wer da in die Kirche gekommen war, hatte ich auf meinen Schultern eine schwere Last gespürt. Und diese fiel zunächst nicht von mir ab. Und das, was ich sah, beeindruckte mich so sehr, dass ich mich nicht abwenden konnte und dabei eine fast übermenschliche Anstrengung unternehmen musste.
Die Flamme war nicht nur blau. Sie fraß ungewöhnlich langsam durch das Bild und verursachte keine Wärme. Und dann hörte ich Geschrei: “Um Himmels Willen, Lici Haechmanns, mach’ das Feuer aus!”
Das konnte ich nicht. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich wollte auch nicht. Salvadora stand in sicherem Abstand. Und es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich es so beschreibe, dass ihr Blick die blauen Flammen kontrollierte.
Und wo Feuer ist, ist auch Rauch und entsteht Asche. Die Rauchentwicklung dieses Feuers war nur gering. Es waren nur wenige weiße Rauchkringel zu sehen.Aber im Gegensatz dazu, fiel sehr viel Asche auf den Kirchenboden. Die Asche war so blau wie die Flammen. Und sie verbreitete sich nicht auf dem Kirchenboden. Wie von unsichtbarer Hand zusammengefegt, sammelte sich die Asche auf einem großen Haufen direkt vor Salvadoras Vorderpfoten. Und noch etwas war überaus seltsam. Die Flammen verzehrten das Portrait der Himmelskönigin fast lautlos. Nur ein leises Zischen war zu hören. Ebenso ungewöhnlich war der Geruch, der sich allmählich in der Kirche ausbreitete. Es roch nach Holz und verschiedenen Kräutern.Von dem Deckengemälde war nur noch der Kopf Marines und der Himmel, der sich über ihrem Thron wölbte, zu sehen, als ich vom Eingang der Kirche wieder hysterisches Geschrei hörte: “Um Himmels Willen, Lici Haechmanns, mach’ das Feuer aus!”
Und diesmal erkannte ich, wer da rief, Thomas Münzer, der Priester von St. Marien. Aber ich konnte das Feuer nach wie vor nicht löschen. Was ich wahrnahm, brannte in mir. Und doch war mir eiskalt.
Dann war es plötzlich aus, das blaue Feuer. Die Decke war an der Stelle, an der zuvor das Bild gewesen war, von gedeckter weißer Farbe. Nichts deutete darauf hin, dass da kurz zuvor noch etwas anderes gewesen war. Vor Salvadoras Pfoten lag ein runder Haufen blauer Asche, der etwa 25 cm hoch war und einen Durchmesser von etwa 50 cm hatte. Und es war ganz still in St. Marien. Schließlich sah sich Salvadora sorgfältig um. Dann beugte sie ihren Kopf in Richtung der Asche und fauchte den Haufen wütend an. Und plötzlich erhob sich die mittelblaue Asche in die Luft und schwebte wie von Wind erfasst aus dem Hauptportal hinaus. Als sich die Asche langsam erhob und davon schwebte, fiel nach und nach auch die Last von meinen Schultern und meinem Rücken ab. Und mir wurde allmählich auch richtig warm ums Herz.
“Du hast die Feuertaufe bestanden. Und jetzt geht es auf die Jagd. Die Sache hier ist noch nicht erledigt. Aber jetzt kommst du damit erst einmal alleine klar. Und dann ist die Seele von Isabel die erste, die frei ist.”
Und ich fühlte, dass noch mehr geschehen war. Oma Isabel und ich waren über ihren Tot hinaus eng miteinander verbunden. Auch sie hatte ihre frühen Jahre in fast absoluter Schweigsamkeit verbracht, in jenem Kloster in Lima, in dem Waisenhaus in dem sie unter den strengen und gnadenlosen Augen der Nonnen und einer prunkvoll geschmückten Himmelskönigin aufgewachsen war. Und ich hatte erst gestern meine Schweigsamkeit aufgegeben und brauchte klare und freie Sinne und Gedanken, damit ich in Zukunft die richtigen Worte würde machen können. Ein erster Schritt in eine neue Freiheit war getan. Und auf diesem Weg wird auch Terry nicht auf der Strecke bleiben. Wir nehmen sie in unsere Mitte. Und es ist ein Trost, dass wir weder durch unsere lange Schweigsamkeit, noch durch diesen ersten Schritt auf dem Weg zur Freiheit gottlos geworden waren. Schließlich war es das Beten gewesen, dass bei diesem ersten Schritt geholfen hat.
„Hilf’ dir selbst, so hat Gott dir schon geholfen!“ hörte ich meine innere Stimme sagen. Salvadora folgte der Wolke mit ruhigen Schritten.
“Nicht auch das noch!” jammerte Münzer laut. Die blaue Asche flog über ihn hinweg auf das Hauptportal zu. Er versuchte hoch zu springen und zumindest einen Teil der Asche zu fangen. Aber er bekam nicht einmal ein winziges Stäubchen zu fassen.



