Guten Tag Ihr Lieben,
endlich geht es mit den Kapiteln des Felicitasprojekts weiter. ich wünsche Euch gute Unterhaltung mit dem, was Felicitas mit dem Gemeindepriester von St. Marien erlebt, nachdem das Deckengemälde, das Maria als Himmelskönigin gezeigt hatte, durch Pumapfotenkraft und Jesublut verbrannt wurde.
Liebe Grüße
Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
P. S.: Da es so lange gedauert hat, hier zur Erinnerung den Link zum ersten Kapitel, der wohl auch für diejenigen interessant ist, die nicht so häufig in diesem Blog lesen:
http://texthaseonline.com/2013/04/03/01-das-findelbuch-felicitasroman/.
17. Seelenjagd
Wenn die Feuertaufe bestanden ist, geht es auf die Jagd. Das gilt immer für junge Jagdhunde. Das galt heute Morgen für mich. Und das galt auch für Münzer, ob er wollte und verstand oder nicht.Von der reinigenden Kraft und der Energie des Feuers hatte Müntzer wenig Ahnung wie sich bald zeigen sollte, obwohl er als Priester mit den Elementen Feuer, Wasser und Erde beruflich zu tun hat. Als das Feuer aus war und die Jagd begann, waren wir beide, Münzer und ich, gleichermaßen Jäger und Gejagte. Und dabei ging es nicht direkt um uns, jedenfalls anfangs nicht.
Zunächst blieb ich stehen, wo ich war und sah Münzer durch den Mittelgang entgegen. Auch er blieb erst einmal ruhig am Eingang zum Kirchenraum stehen. Zur Jagd gehört das Lauern wie das Hetzen und das Schießen.Der freie Mittelgang war wie eine Lichtung. Und gerade dieser freie Raum hatte seine Tücken. Nichts blieb verborgen. Und so war auch klar, dass derjenige von uns, der zuerst etwas tun würde, die Jagd eröffnen würde, nicht zwangsläufig im Vorteil war. Das ist immer so, wenn man einen Kampf, und eine Jagd ist nichts anderes als ein Kampf, eröffnet. Man sieht besser aus, wenn man den Kampf eröffnet, denn man ist offensichtlich aktiv, weil man sich bewegt.
Ich bewegte mich, ohne den Kampf zu eröffnen. Denn ich trat einige Schritte zurück, ließ den Priester aber nicht aus den Augen. Ich trat einen geordneten Rückzug an, der diesen Namen verdiente. Ich ging so weit zurück, dass ich mich mit dem Rücken an den Altar lehnen konnte. Der Altar war fest und geerdet wie eine Wand und bot mir so Rückhalt aber auch einen festeren Stand für meine Füße. Man soll sich selbst nicht mit dem Rücken an die Wand stellen. Aber in gewisser Weise war der Altar doch etwas ganz anderes als eine Wand. Und das galt nicht nur, weil ich ihn körperlich überragte, was mir trotz meiner Größe bei einer Wand oder Mauer unmöglich gewesen wäre. Ich hatte genau den Rückhalt gefunden und die Stellung bezogen, die ich brauchen würde, wenn Münzer die Geduld verlieren würde und den Kampf und die Jagd eröffnete.
Und tatsächlich verlor er die Geduld noch schneller, als ich gedacht hatte. Er riß sich plötzlich von der Stelle, an der er stand los, kam mit kleinen, schnellen Schritten den Mittelgang entlang, die Stufen zum Altar hoch, blieb aber plötzlich auf der obersten Stufe stehen. Er traute sich nicht direkt an mich heran. Das war offensichtlich. Er blieb stehen, holte mehrfach tief Luft, als wollte er einen letzten Satz auf mich zu machen, um mich zu schlagen oder zu treten. Aber er griff mich nicht körperlich an. Er bekreuzigte sich dann. Und dabei war ein theatralischer Ausdruck auf seinem Gesicht zu sehen. Danach holte er noch einmal tief Luft und warf mir einen wütenden Blick zu. Und wenn Blicke töten könnten, wäre ich wohl auf der stelle tot umgefallen. Und der Rückhalt, den mir der Altar bot, hätte mir nichts genützt. Er hatte, bevor die Jagd richtig begonnen hatte, nicht nur die Geduld verloren. Er hatte auf seinem Weg auch schon Kraft eingebüßt. Zwar hatte ich die Heftigkeit seiner Bewegungen und den Blick zu spüren bekommen. Aber ich hatte nichts von meinem Rückhalt, meiner Haltung an sich und von meiner Geduld und Gelassenheit eingebüßt. Und ich wartete gelassen und geduldig weiter, was mein Gegner tun würde.
„Was hast du getan, Lici Haechmanns?“ Diese Frage Schoß wie ein Pfeil auf mich zu und traf beinahe. Denn nur mit Mühe konnte ich dem Impuls widerstehen ihm das Wort „nichts“ mit seiner Schnelligkeit und dem spitzen Ende entgegenzuschleudern. Dieses Wort wäre eine faustdicke Lüge gewesen. Denn das Feuer war keineswegs aus dem Nichts entstanden. Aber es war nicht nur so, dass ich mir diese Lüge verkniff, weil es mir widerstrebt selbst in einer Kirche, die ich so sehr verabscheue wie St. Marien, zu lügen. Es war auch noch eine Lüge, die nichts weiter war, als eine Ausflucht. Es war vollkommen überflüssig Ausflüchte zu suchen und damit unnötige Haken zu schlagen. Das kostete nur Kraft und Zeit. Und ich konnte nicht wissen, wie viel Kraft ich noch brauchen würde, und wie lange ich würde durchhalten müssen.
„Ich bin nach St. Marien gekommen und habe sehr lange aufrecht unter dem Kreuz gebetet und zwar vor allem für die Befreiung der Seele von Oma Isabel, die als Kind im Waisenhaus unter so einer Himmelskönigin gelitten hat. Und was dann passiert ist, haben Sie selbst miterlebt!“ „Du hast gebetet! Was hast du denn gebetet und zu wem?“
„Ich habe um Kraft gebeten und dafür, dass es meiner Großmutter und meiner Mutter gut gehen soll, und sie von allen Lasten befreit werden, die sie hier auf der Erde aufgeladen bekommen haben. Und dann habe ich mehrmals das Vaterunser auf deutsch und auf spanisch gebetet. Und ich habe zu Gott, dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist gebetet!“ „Du hast das Vaterunser gebetet! Und das Ave-Maria auch?“
„Nein, das Ave-Maria habe ich nicht gebetet. Aber reicht das Vaterunser nicht? Es ist das gebet, das uns Jesus selbst gelehrt hat, oder nicht?“
Er wollte jetzt nichts mehr hören und ging auf Nummer sicher, indem er eine schroffe Geste in meine Richtung machte und sich beeilte, als er sagte:
„Das klingt alles sehr schön und normal. Und du scheinst auf alles eine Antwort zu haben. Aber das ist auch bei Satansbraten so. Ich glaube dir kein Wort, Lici Haechmanns!“
Mir kann es eigentlich gleichgültig sein, ob und was mir Thomas Münzer glaubt. Wichtig ist doch nur, wie ich zu Gott stehe. Aber das Wort Satansbraten alarmierte mich.
Der Priester hatte zuletzt leise aber auch zornig mit mir gesprochen.Und so hatte auch sein Gesichtsausdruck ausgesehen. Doch plötzlich änderten sich sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung. Er sah mich übertrieben väterlich, geduldig und verständnisvoll an. Und mir fällt auch im nach hinein für das Bild, das er mir bot, kein anderes Wort als scheinheilig ein. Und genauso war auch sein Tonfall, als er schließlich wieder das Wort ergriff.
„“Es kommt vor, dass gerade junge Menschen wie du auf spirituelle Abwege kommen. Und bei dem, was mit dem wunderbaren Bild der Gottesmutter passiert ist, wirst auch du gespürt haben, dass du einem Irrweg eingeschlagen hast, nicht wahr? Aber das ist, wie du sehen wirst, gar nicht so schlimm. Es gibt Möglichkeiten, die dich auf den rechten Weg zurückführen werden. Und es gibt Leute, die dich auf den Pfad des wahren Glaubens zurückführen können. Ja, es gibt fromme Männer, die die Macht haben,, dir zu helfen!“
Ich verstand nicht sofort, wen oder was er meinte. Aber zu seinem Ärger begriff ich doch von selbst, von wem und von was er gesprochen hatte.
Und jetzt nutzte ich die Chance in meinen Köcher zu greifen und mit einer Frage, die spitz war wie ein Pfeil, auf ihn zu zielen. „Exorzisten?“
Er zuckte zusammen, sah einen Augenblick lang erschüttert aus fand aber bald wieder zu seiner scheinheiligen Haltung zurück.
„Weißt du, Lici Haechmanns, das ist überhaupt nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt oder wie die Leute behaupten. Sie beten nur, die Exorzisten!““
Aber beten kann ich selbst. Und es gibt Menschen, die mich aufrichtig lieben, und die beten auch für mich, meine Patinnen zum Beispiel.“
Nachdem ich das gesagt hatte, wurde mir sofort klar, dass er nicht direkt auf diese Worte reagieren würde. Das bedeutete natürlich überhaupt nicht, dass er später nicht darauf zurückkommen wollte. Was ich gesagt hatte, bot eine gute Angriffsfläche. So zog er bestimmt in Zweifel, dass ich wirklich richtig beten kann.
Er schnitt ein anderes Thema an, immer noch ohne seine scheinheilige Haltung aufzugeben.
„Lici, was mit deiner Mutter passiert ist, tut mir aufrichtig leid. Hast du dich schon einmal gefragt, wie es jetzt mit dir weitergehen wird!“
Nein, das hatte ich mich nicht gefragt. Die Frage war und ist überflüssig. Denn es ist sonnenklar, wie es mit mir weitergehen wird.
Ich wollte mich nicht mit Münzer über meine Zukunft unterhalten, darüber, dass mein halber Onkel Edwin und Sexyhexy die Pflegschaft für mich beantragen werden, und warum sie das tun, warum die Behörden diesem Antrag stattgeben werden usw. Und weil ich mit ihm darüber überhaupt nicht sprechen wollte, war ich diesmal diejenige, die einen Haken schlug, und zielte gleichzeitig mit Schrot aus reinem Sarkasmus auf den Priester.
„Jetzt,da Terry tot ist, wird mein Erzeuger ganz bestimmt anfallsleidig, bekommt einen Reueschub nach dem anderen, gibt sich zu erkennen, lässt alles stehen und liegen, holt mich zu sich und adoptiert mich vom Fleck weg. Was dachten sie denn? und selbstverständlich ist der große Unbekannte nicht nur geläutert. Er ist aus bestem Hause und verfügt über ein gigantisches Vermögen, so dass ich für mein Lebtag ausgesorgt haben werde. Wie sollte es auch anders sein!“
Aber früh übt sich, was ein Zyniker oder Sarkast werden will. Das weiß ich natürlich. Man muss ordentlich was abkönnen, wenn man zynisch oder sarkastisch ist, denn das zeug ist wirklich wie Schrotkugeln. Das streut weit aus und anders als Schrot wirklich in alle Richtungen also auch zurück zum Zyniker oder Sarkasten. Und wer sich auf beißenden Sarkasmus verlegt, der darf sich nicht wundern, wenn zurück gebissen wird.Doch biss Münzer nicht selbst. Er zuckte zusammen und machte ein entsetztes Gesicht. Er fasste sich aber schnell wieder und stand mit selbstgerechter Miene und stolzgeschwelgter Brust da. „Hab’ ich’s doch gewusst, frühreife Göre, Satansbraten, Hexe!“
Und als ihm das Wort Satansbraten zum zweiten Mal über die Lippen kam, sah ich plötzlich eine Papageienmaske vor seinem Gesicht. Ich schloß die Augen, schüttelte den Kopf und zeichnete das Kreuzzeichen in die Luft, bevor ich die Augen wieder öffnete. Und Gott sei Dank war die Maske vor dem Gesicht des Priesters wieder verschwunden. Aber ich weiß, was ich gesehen habe und werde es mir merken. Wie bei Winfried Bongartz ist es auch bei Münzerr möglich, dass er ein Mitwisser oder dabei gewesen ist, damals, im März 1977.
ich brauchte etwas Zeit, um mich vollends wieder zu sammeln.
„Ich lasse mich von Ihnen und auch nicht von den Teufelsaustreibern exorzieren, oder wie das heißt!“
„Du wirst möglicherweise keine andere Wahl haben, je nach dem, wohin und zu wem du kommst. Wenn dein neuer Vormund es anders will, hast du keine Chance. Du kannst mit deinen 12 Jahren nicht allein bleiben.“ „Ich kann schon allein bleiben. Ich darf aber nicht. Das ist was ganz anderes!“ „Womit wir wieder bei der wichtigen Frage wären, wohin und zu wem du kommst!“
„Das ist keine Frage. Mein halber Onkel Edwin und Sexyhexy, ähm, Adelheid, werden die Pflegschaft für mich beantragen. Und dieser familientümelnde Haufen vom Jugendamt werden das befürworten, dass das Vormundschaftsgericht den Antrag bewilligt.“ „Du scheinst dich nicht über diese Aussichten zu freuen.“
„Warum sollte ich auch? Ich will lieber zu Senta oder zu Lenchen. Die sind immerhin meine Patinnen. Man wird mich auch großzügig anhören. Aber der Edwin wird ihnen schon die Zustimmung aus den Rippen leiern mit seinem Gelaber.“ „Was hast du denn gegen deinen netten Onkel und seine Frau?“
„Sie haben die Brut von denen ja ganz vergessen, den lieben, kleinen Jan-Niklas und den herzallerliebsten Olivier. Das sind Satansbraten! Und der Edwin will mich nicht bei sich haben, weil er mich sooooo unglaublich lieb hat. Er will für alle offensichtlich Familiensinn demonstrieren. Und er weiß, wie günstig ich in der Haltung bin, wie wenig Arbeit ich mache. Und Geld gibt’s auch noch dafür. Ich glaub’ das ist ein hübschesSümmchen. Und natürlich möchte er auch den ungeliebten Teil seiner Verwandtschaft so gut als möglich unter Kontrolle haben.“ Und für mich fügte ich in Gedanken hinzu:
„Das gilt erst recht nach der vergangenen Nacht!“
Münzer winkte ab. Und ich nahm an, dass er jetzt eine neue Spur legen wollte, die für mich eine falsche Fährte sein sollte, obwohl sie zu dem Thema führte, um das es wirklich ging. Er zog wieder einen Pfeil aus seinem Köcher.
„Lici Haechmanns, warum hast du das Bild verbrannt?“
„Sie haben doch selbst gesehen, dass ich es nicht war, die das Bild angezündet hat!“
„Warum wolltest Du, dass dieses ekelhafte Katzenvieh dafür sorgt, dass Jesus mit seinem Blut seine Mutter verbrennt?“
ich hatte es nicht so gewollt. Ich hatte es nicht verhindert und dankbar hingenommen. Das war etwas ganz anderes als eine Absicht.
„Ich hab’ das nicht gewollt. Und der Puma hat nicht dafür gesorgt, dass Jesus mit seinem Blut seine Mutter verbrennt. Verbrannt ist nur das Bild von dem, was irgendwelche prunksüchtigen Kirchenväter und größenwahnsinnige Maler aus ihr gemacht haben, mit dem die Priester und Nonnen einfachen Frauen wie Oma Isabel drohen. Nur ein Bild von diesem machtstrotzenden Hirngespinst, das vor allem Frauen in der so gnannten dritten Welt das Leben schwer macht, ist verbrannt und weiter nichts!“ „Was heißt hier nur?“
„Es war nur ein Bild, was da verbrannt ist, Farbe, die irgendein größenwahnsinniger Maler mit kitschigen Anwandlungen an die Decke gepinselt hat.“
„Aber, wenn du nur sagst, verstehe ich nicht, warum es verbrennen musste, wenn es doch nichts wert war?“
„Aber ich habe doch überhaupt nicht gesagt, dass dieses scheußliche Bild keine Bedeutung hat. Das wirklich Schlimme ist ja, dass dieses Teil mit Bedeutungen aufgeladen war, die mit der Muttergottes gar nichts zu tun haben, die nur mit der Prunksucht von Würdenträgern und Malern zu tun haben. Dass das Bild verbrannt ist, hat also nicht direkt mit Ihnen oder mir zu tun. Es ist verbrannt, um Oma Isabels Seele von der Bedrohung, die für sie von diesem Bild ausging, zu befreien.“Es war offensichtlich, dass er das Wort Scheiße auf den Lippen hatte, und wie viel Mühe es ihn kostete, mir dieses Wort nicht entgegenzuspucken. Und ebenso offensichtlich war, dass er an einen Punkt gelangt war, an dem es nicht bei diesem einen Fluch oder Schimpfwort geblieben wäre, wenn er es tatsächlich ausgesprochen hätte. Aber es gelang ihm seinen Zorn nicht weiter aufsteigen zu lassen, ihn vollkommen zu unterdrücken. Danach zeigte sich wieder jene Scheinheiligkeit in seiner Haltung und seinem Gesichtsausdruck, mit der er mich schon zuvor bedacht hatte. Und sie war stärker als je zuvor.
„Lici Haechmanns, als gute Katholikin weißt du schon, dass Maria heilig ist, und dass die unbefleckte Empfängnis Mariens ein Dogma unserer allein selig machenden Mutter Kirche ist?“
Münzer wollte eine Hetzjagd aus Gedanken und Worten. Und er sollte sie haben. Es gibt einen Punkt, an dem es kein zurück und damit auch keine Zurückhaltung mehr gibt. Und inzwischen war auch mein Jagdtrieb vollends erwacht
„Natürlich weiß ich, was Dogmen sind. Und auch die Emmakulata ist mir ein Begriff.Aber dieses Bild hatte doch überhaupt nichts mit diesen Sachen zu tun.“ „Nichts zu tun?“
„Na, zumindest ein normalsterblicher Betrachter sieht nichts als eine aufgedonnerte unnahbare Blondine. Wie kommen Kirchenfürsten und Maler überhaupt darauf, dass Maria eine Schönheit des nord- oder mitteleuropäischen Typs war?“
„Das ist doch ganz einfach. Im christlichen Abendland gibt’s eben viele Frauen, die blond, blauäugig und hellhäutig sind!“
„Aber es gibt doch auch viele rothaarige, brünette und schwarzhaarige Frauen, die eine besondere Ausstrahlung haben.““
„Lici Haechmanns, ich werde mich mit dir nicht weiter über solche Dinge unterhalten!“ erklärte Münzer und unterstrich seine Worte mit einer schroffen Handbewegung.Und auch ich sah keinen Sinn darin, weiterhin über dieses Thema mit Thomas Münzer zu diskutieren.
Ich hatte schon während der ganzen Zeit das Gefühl gehabt, dass der Priester diese Sache persönlich nahm, obwohl ich den Grund dafür bislang nicht hatte erkennen können. Ich war daher keineswegs überrascht, dass Münzer, nachdem er das Gespräch unterbrochen hatte, plötzlich ganz auf gekränkte Eitelkeit machte. Diese Haltung kenne ich vor allem von meinem halben Onkel Edwin in vielen Ausprägungen. Und wie es funktioniert, dass man sich in diese Haltung hineinsteigert, wusste ich ebenfalls zu genüge von Onkel Edwin. Der lässt sich auch immer zunächst still einfach in den Glauben an seine Eitelkeit und die Gekränktheit hineinfallen. Mehr ist nicht nötig. Die Steigerung machen Eitelkeit und Kränkung dann von ganz allein.
„Lici Haechmanns, du kommst in meine Kirche., stellst dich vor meinen Altar, betest irgendetwas an, was dir hilft, Chaos und Zerstörung zu bringen, du verbrennst mein Bild, trittst alles mit Füßen, wofür unsere Mutterkirche steht, beleidigst den Glauben und mich und nimmst mir nicht nur mein Bild sondern fechtest auch noch die Autorität meines Amtes an. Du bist ein besonders widerwärtiger Satansbraten!“
Da war es schon wieder, das Wort Satansbraten. Und da war all das, was in den letzten nicht einmal 24 Stunden passiert war. Und ich wusste immer noch nicht, warum ich, Felicitas Haechmanns ein oder vielleicht sogar der einzige Teufelsbraten sein sollte. Aber mein Verstand und meine Zunge schlugen weitere Haken, gaben nicht auf.
„Ihre Kirche? - Ihr Bild? - Sie haben in dieser Kirche wohl Hausrecht. Aber das hat die Hausmeisterin unserer Schule im Schulhaus, auf dem Schulhof und in der Turnhalle auch. Aber das heißt noch lange nicht, dass ihr irgendetwas von dem, was da so drin ist, gehört. Gehört das alles hier nicht ausschließlich der katholischen Kirche?“
„Lici Haechmanns, was macht das bezogen auf deine Freveltaten für einen Unterschied? Und ja, dieses Bild gehörte in gewisser Weise mir. Es hat für mich einen individuellen und ideellen Wert. Schließlich wurde es von meinem Urururgroßvater Waldemar Münzer im Jahre des Herren 1785 fertig gestellt. Da staunst du, was? Das hat dir dein Großvater nicht erzählt. Und der Grund dafür wird sein, dass dieser Möchtegern Kunstexperte, nicht einmal das über diese wunderbare Kirche seiner Heimat wusste!“
„Wie kommen Sie darauf, dass Heinrich Haechmanns, nicht gewusst hat, dass Ihr Vorfahr dieses kitschige Ding gemacht hat? Es stimmt, wir haben nicht über dieses Bild gesprochen. Aber, was beweist das schon? Vor allem ist es kein Beweis dafür, dass Opa Heinrich keinen Sachverstand hatte. Es beweist höchstens, dass man in elf Jahren nicht über alles sprechen kann, was man weiß!“
„Wie eifrig du wirst, wenn man dich oder einen deiner Verwandten angreift, Hexe Lici!“
Diesmal hatte er die Abkürzung meines Namens besonders verächtlich ausgesprochen und auch das Wort Hexe hatte er mit aller Verächtlichkeit aufgeladen, zu der er fähig war. Und das war alles andere als wenig.
„Seit wann ist es verboten seine Verwandten zu verteidigen? Oder ist es ein neues Dogma, dass man sich schon mit 12 von seinen Verwandten und allem irdischen los sagen muss, obwohl man den Schleier noch nicht genommen hat, oder wie das heißt?“
„Im Allgemeinen spricht nichts dagegen, wenn man seine Verwandten verteidigt. Aber du bist das Problem. Deine Existenz und deine Art sind inakzeptabel.“ „Meine Existenz ist inakzeptabel?“
„Ja, sie hätte dich wegmachen sollen, dieses dumme Ding!“
Mir war klar, warum er das gesagt hatte. Er wusste sich in bester Gesellschaft mit den meisten Leuten in Tannhuysen und Umgebung, die meine Familie und mich kannten. Aber ich hatte gestern beschlossen, nicht mehr den Mund zu halten. Und darum sagte ich:
„Was Ihr Chef, der heilige Vater in Rom, wohl zu dieser Idee sagt? - Du sollst nicht töten!“
Aber der heilige Vater und Rom waren weit weg. Und selbstverständlich wird auch Priestern die Gnade der Absolution zuteil, damit danach wieder genug Platz für neue Verwünschungen und andere Sünden in seinem Gewissen frei ist.
und wieder veränderte Thomas Münzer seine Haltung und seinen Ausdruck. Er hetzte mir wieder diese Scheinheiligkeit auf den Hals.
„Lici Haechmanns, du weißt, dass es nie zu spät ist, sein Gewissen und seine Seele zu erleichtern. Du weißt, dass ich dazu verpflichtet bin, einem Menschen, der darum bittet, die Beichte abzunehmen.“
„Auch das weiß ich und nicht erst aus Ihrem Religionsunterricht! Aber ganz ehrlich, ich werde nie wieder bei Ihnen beichten. - Wann kommt eigentlich unser Pfarrer, Hochwürden Gietmann, wieder?“
„“Der Herr Bischof hat mir mitgeteilt, dass der am 01. September aus der Reha kommt. Du weißt ja wohl, dass er einen schweren Unfall hatte. aber, warum willst du das wissen?“ „Wegen Terrys Beerdigung!“
„Damit hast du doch gar nichts zu tun, mit den Formalitäten, meine ich!“
„Sie werden selbst jemandem wie mir zugestehen, dass für mich der Tot meiner Mutter viel mehr ist als eine Formalität, und dass ich mich deshalb für alles interessiere, was mit ihr auch nach dem Tod passiert.“ „Reg’ dich nicht auf. Ich hab’ ja nur gemeint,….“
Als ihm nicht direkt einfiel, was er meinte, riss ich das Gespräch an mich.
„Es interessiert mich nicht, was sie meinen. Sie können mir sowieso mit allem, was Sie betrifft, den Puckel ‚runterrutschen. Mir ist es z. B. so was von gleichgültig, ob sie diesem scheußlichen Bild hinterher trauern oder nicht!“
„Ach, und jetzt meinst du wohl, weil dir das alles gleichgültig ist, kannst du dich heimlich still und leise davon stehlen, obwohl mein Bild auf dein Geheiß zerstört wurde“
„Was reden Sie denn da? Sie haben doch gesehen, dass ich mich nicht einen Zentimeter von der stelle bewegt habe. Und ich werde mich weder in Luft, noch in Nichts auflösen, obwohl ich angeblich eine Hexe und/oder ein Teufelsbraten bin!“ „Findest du das etwa auch noch komisch?“
ich fand es nicht komisch. Nicht einmal ein ganz kleines Lachen war in meinem Gesichtsausdruck zu sehen. „Dir muss doch klar sein, dass diese Sachen Konsequenzen hat!“ ich nickte. Aber ich fragte gelassen?
„Und welche werden das Ihrer Meinung nach sein?“
„Das fragst du mich? Du richtest einfach so in ganz unberechenbarer Art und Weise einen niedagewesenen Schaden an und fragst mich, der an dieser Sache vollkommen unschuldig ist, was die Konsequenzen sind.“
ich nickte wieder. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er nicht die geringste Ahnung davon hatte, welche Konsequenzen so etwas haben könnte. Denn seine Stimme hatte, als er von den Konsequenzen gesprochen hatte, drohend und sehr sicher geklungen.
Der Priester versuchte erneut einen Haken zu schlagen, um mich zu verwirren. Und er tat auffällig so, als sei ihm ganz plötzlich etwas eingefallen, was er schon lange hatte sagen oder fragen wollen.
„Lici Haechmanns, was machst du eigentlich die ganze Zeit mit deiner Hand, wenn du sprichst?“
Meine Schreibredetechnik war mir inzwischen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich selbst sie gar nicht mehr bemerkte. Und als ich meine Hände in den Ärmeln meines Ponchos versteckt hatte, war es nicht meine Absicht gewesen, ihn die Bewegung nicht sehen zu lassen. Aber ich hatte von Anfang an vermeiden wollen, dass er die Hände selbst sehen konnte. Aber das konnte Münzer beim besten Willen nicht wissen. Für ihn musste die ständige Bewegung das Ungewöhnliche sein, weil man seine Schreibhand eben normalerweise nicht so bewegt, wenn man mit jemandem spricht.Und natürlich glaubte er meine Hände zu kennen, da er sie zum Beispiel immer wieder gesehen hatte, als ich im Vorgarten unseres Hauses gearbeitet hatte, wenn er am Samstagmorgen mit dem Fahrrad vorbeigefahren war.
„Ich bewege meine Hand eben, wenn ich spreche. Was ist schon dabei? Aber Sie können unbesorgt sein. Ich schreibe keine Beschwörungsformeln, auch wenn Sie mir das bestimmt nicht glauben, weil Sie mich für eine Hexe und einen Teufelsbraten halten. Ich kenne keine Verwünschungen und Beschwörungen, großes Indianerehrenwort!“
„Hör’ auf, solchen Blödsinn zu erzählen!“ fauchte Thomas Münzer. Dabei war er es doch gewesen, der mit Hexen und Satansbraten angefangen hatte. „Lici Haechmanns, zeig’ mir deine Hände!“
„Glauben Sie mir, die wollen Sie nicht sehen!“
„Zeig’ mir erst deine Linke“ Na, wird’s bald!“
Ich zögerte einen Augenblick und überlegte, ob er sich wohl auf mich stürzen würde, um nach meiner Hand zu greifen. Das durfte nicht passieren. Denn ich hätte eine Berührung von ihm nicht ertragen, ohne dadurch zur Weißglut getrieben zu werden. Er war eben auch nur ein Kerl wie meine Cousins, der fremde junge Mann oder meine beiden halben Onkel Edwin und Egon. Ich wusste, dass Münzer nicht nachgeben würde, bis er meine Hände oder zumindest die linke Hand gesehen haben würde. Er wollte es wissen. Und er würde mir notfalls eine Horde von Exorzisten oder Schlimmeres auf den Hals hetzen, um herauszufinden, was es mit meinen Händen und mit meiner Art sie zu bewegen auf sich hat. Aber er sollte mir nicht nachsagen können, dass ich ihn nicht gewarnt hatte. Also sagte ich noch einmal mit einem besonders drohenden Unterton in der Stimme: „Glauben Sie mir, Hochwürden! Das wollen Sie nicht sehen!“
Er verharrte in abwartender Haltung auf der obersten Stufe stehend. Also streckte ich ihm mit einer schnellen Bewegung meinen linken Handrücken entgegen. Fast zu Tode erschreckt zuckte Thomas Münzer zusammen. Der Schreck erfasste seinen Körper so heftig, dass er umfiel. Da er sich aber leicht nach vorn gebeugt hatte, um genau hinsehen zu können, fiel er vornüber und nicht rücklings die drei Stufen hinunter. Ich hielt meine linke Hand vorgestreckt und rührte mich nicht von der Stelle. Schließlich fauchte der Priester, während er sich aufzurappeln versuchte: „Fass’ mich bloß nicht an, du Hexe, du Satansbraten!“
Ich hatte überhaupt nicht vor, ihm aufzuhelfen. Denn so wie ich nach wie vor keine Berührung von ihm ertragen konnte, war ich auch nicht in der Lage oder Willens ihn anzufassen.
Schließlich schaffte es der Priester aus eigener Kraft auf die Füße zu kommen. Er stand neben mir und starrte mit einem anderen Entsetzen auf meinen Handrücken. „Ist das eine Taube?“
Ich nickte.
„Und das ist dieselbe Farbe, die auch die Asche hatte, oder nicht?“ „Es ist das selbe blaue Wunder!“
„Was heißt hier Wunder?“
Wie konnte ich nur vergessen, dass ausschließlich die allein selig machende Mutter Kirche für Wunder zuständig ist. Jedenfalls glaubt ein guter Hirte wie Münzer das. Und wir Schäfchen aus dem einfachen Kirchenvolk sollen es selbstverständlich auch glauben. „Was ist das für ein Kult, dem du da anhängst, Lici Haechmanns?“ „Ich hänge keinem Kult an!“
„Woher hast du dieses Zeichen?“
„Das kann ich Ihnen sagen. Meine älteren Cousins und so’n anderer junger Kerl, den ich nicht kenne, haben mir das und ihre Initialen auf dem anderen Handrücken verpasst, nachdem sie mich mit K.O-Tropfen außer Gefecht gesetzt hatten!“ „Was sind das denn für Räuberpistolen?“
„Fragen Sie meine Cousins, was das sollte, und ob sie neuerdings einem Kult anhängen!“
„Jetzt verleumdest du auch noch deine Verwandten! Deine Cousins sind anständige Jungs. Sie sind alle in der katholischen Schützenbruderschaft St. Hubertus. Und der Olivier ist seit Jahren Ministrant!“ Als er von Olivier sprach, dachte ich:
„Die auch noch fromm tun, das sind die Schlimmsten!“
ich fiel dem Priester ins Wort.
„Eins muss man ihnen lassen. Sogar die halten Manchmal ihre Versprechen! Das, was Sie auf meiner Hand sehen ist nämlich bestimmt das blaue Wunder, das Olivier, Rio und Timo mir schon seit Jahren bescheren wollten!“
„Lici Haechmanns, hör’ gefälligst mit dem Sarkasmus auf, so lange du in meiner Kirche bist!“
Danach standen wir einander lange schweigend gegenüber. Es brauchte eben seine Zeit, bis Münzer immerhin begriffen hatte, dass ich ihn nicht angelogen hatte. Aber er glaubt sicher, dass ich mir das, was meine Cousins betraf, nur eingebildet haben konnte. “Die Stille, die sich zwischen dem Priester und mir aufbaute, die Tatsache, dass er meiner, der Situation und dem Verlust des Bildes nicht habhaft werden konnte, setzte Münzer stark zu und raubte ihm viel Kraft. Er brach zwar nicht wieder zusammen. Aber er stand plötzlich wie ein Häufchen Elend da und sein Gesicht, das sonst von einer sehr gesunden Farbe war, sah aschfahl aus und sein graues und sein grünes Auge sahen glanzlos zu mir auf. Dann begann er zu jammern:
„Am Montagabend ist Firmung in St. Marien. Der Herr Bischof kommt. Was soll ich ihm sagen, wie dieses Loch entstanden ist? Wenn ich wenigstens die Asche hätte!“ „Da ist kein Loch, nur ‚ne leere Stelle!“ sagte ich unerbittlich. „Wenn ich doch nur die Asche hätte!“ klagte er noch einmal.
„Was wollen Sie denn mit der Asche, um Himmels Willen?“
„ich werde sie untersuchen lassen und zwar von Leuten, die was von spirituellem Schabernack verstehen! Aber ich habe nicht einmal ein winziges Stäubchen zu fassen bekommen. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wohin die Asche geflogen ist!“ „Sie haben wirklich keine Ahnung, wo die Asche ist?“
„Natürlich nicht!“
„Aber das ist doch ganz einfach!“
„Ach, ja! ist es wirklich ganz einfach? Dann sag’ mir endlich, wo ich die Asche meines Bildes finde und halt’ nicht einfach nur Maulaffen feil!“
Man sah Thomas Münzer deutlich an, dass ihm förmlich der Boden unter den Füßen brannte durch die Ungeduld, die ihn vollkommen im Griff hatte. Ich ließ mir also die Zeit, die ich brauchte, um ihm alles genau und geduldig zu erklären. ich ließ mir die Zeit, die ich brauchte und noch ein Bisschen mehr, um ihm die Satansbraten und Hexen, die er mir an diesem Vormittag angedichtet hatte, heimzuzahlen.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass es bei dieser ganzen Sache nicht um Sie, den Maler des Bildes oder mich geht sondern um einen Ausgleich der Unterdrückung und Bedrohung, die meine Großmutter durch die Nonnen erlebt hat, und die ihre Seele belasten. So was muss man nicht verstehen. Man muss es nur hinnehmen. Bedanken Sie sich bei den Nonnen des Klosters Santa Ursula, dass Sie so ein Bild und die Vorstellung der Himmelskönigin für ihre Drohungen missbraucht haben. Dafür können wir nichts, Oma Isabel, Terry und ich. Nicht nur, dass es um Oma Isabel und danach auch um Terry und mich geht ist nicht die einzige Tatsache. Fakt ist auch, dass metaphysische und mysteriöse Vorgänge ihre eigene Logik haben. Und diese Logik hat eine ganz besondere Strenge, ob man will oder nicht!“ Münzer scharrte ungeduldig mit den Füßen, die in teuren Laufschuhen steckten.
„Da es um Oma Isabel und den Ausgleich ihrer Not in Santa Ursula geht, ist es klar, wo die Asche hinfliegt oder hingeflogen ist. Es gibt drei Möglichkeiten.
1. Das Bild ist in Asche verwandelt worden, die ab sofort zum Ausgleich des Elends Oma Isabel zudeckt. Darum ist sie auf unserem Familiengrab in Tannhuysen.
2. Die Asche fliegt nach Lima in die Kapelle von Santa Ursula, um dort, wo alles anfing, für Ordnung zu sorgen.
3. Es war ja ziemlich viel Asche. Vielleicht hat sie sich auch aufgeteilt und ein Teil kommt auf Oma Isabels Grab zu liegen, und die übrige Asche ist auf dem Weg nach Lima.“
So wie es Münzer unmöglich gewesen war, die Asche zu fangen, so unmöglich war es ihm jetzt zu begreifen, was ich gesagt hatte. Aber etwas hatte er doch mitbekommen. Er hatte die Ortsangaben aufgeschnappt. Und er fasste nach.
„Netter Versuch, mich wegschicken zu wollen! Aber so einfach mache ich es Dir nicht, Lici Haechmanns!“ Er lachte kurz höhnisch auf.
„Da versuchst du Satansbraten mich nach Lima zu locken. Da könntest du mich ebenso gut dahin schicken, wo der Pfeffer wächst!“
„Ich will sie nicht dahin schicken, wo der Pfeffer wächst. Ich will sie nirgendwohin schicken. Übrigens, wächst in Lima, ähm, in Peru` Pfeffer. In dem Land wachsen, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, 300 Pfefferarten. Darunter sind wie bei Mais und Kartoffeln viele Sorten,die hier in Europa unbekannt sind.“
Münzer tat, als ob ihm der Boden unter den Füßen brannte. er trippelte unruhig auf der stelle, einen gequälten Ausdruck auf dem Gesicht. Mir kommt es inzwischen so vor, als ob die Unruhe echt war, die Qual aber war wohl nur Theater. Es war einfach nur Getue, das auch ganz schnell vorbei war.
„Die Botanik in dieser Bananenrepublik, in der sie Meerschweinchen fressen, interessiert mich nicht die Bohne! Ich will auf der stelle Asche von meinem Bild haben, damit ich sie gründlich untersuchen lassen kann.“ Ich reagierte nicht.
„Dann werde ich zumindest nachsehen, ob ich etwas von meiner Asche auf eurem Familiengrab finde!“
Aber, nachdem er das in entschlossenem Ton gesagt hatte, blieb er nach wie vor stehen und sah mich mit einem fragenden Blick an. Plötzlich war ich mir sicher, dass er wirklich eine größere Menge der Asche auf dem Grab von Oma Isabel finden würde. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Annahme, die Asche könnte sich auf den Weg nach Lima und auf unser Familiengrab gemacht haben, nichts weiter als eine Vermutung gewesen. Zuerst sah ich den Teil der Asche, der jetzt schon auf unserem Familiengrab lag, vor meinem inneren Auge. Und dann spielte sich das, was im Kloster in Lima vor sich gehen würde, wie ein Film vor mir ab. In der nächsten Komplet wird sich die Kapellentür öffnen und blauleuchtende Asche wird herein fliegen. Sie wird das Bildnis der Himmelskönigin, das sich wie es auch in St. Marien gewesen war, an der Decke über dem Mittelgang befindet, anzünden. Und das prunkvolle Gemälde wird genauso langsam von einem blauen Feuer verschlungen werden, wie das Bild in St. Marien. Aber, nachdem das Feuer sein vernichtendes Werk getan haben wird, wird die Asche sich wieder in die Luft erheben und bis zur Decke steigen. Es wird eine große, blaue Fläche entstehen, die sich nicht abwaschen oder mit Chemikalien entfernen lassen wird. Und die Fläche wird im Dunkeln immer ein sanftes, blaues Licht verbreiten. Und in dem Geschehen, das sich vor meinem inneren Auge abspielt, sehe ich auch, dass eine alte Nonne, eine Frau mit verbitterten Gesichtszügen und unerbittlichen harten Augen, am plötzlichen Herztot sterben wird.
„Emmakulata!“ hörte ich Oma Isabels Stimme sagen, als ich das heute Morgen in St. Marien sah. Und ich erinnere mich jetzt daran, wie Oma Isabel oft davon erzählt hat, dass Emmakulata der Name der Nonne war, die die Herrschaft über die Kinder des Waisenhauses und der Mädchenschule hatte, als sie ein Kind gewesen war.
Aus einem unerfindlichen Grund blieb Münzer wie angewurzelt stehen. Er hätte sich von seinem Standort losreißen müssen, wie er sich zuvor von seinem Standort am Eingang des Kirchenraums losgerissen hatte. Hatten ihn seine Kräfte verlassen? „Ich nehme dich nicht mit!“ sagte er schließlich.
„Ich wäre sowieso nicht mitgekommen!“
„Bist du nicht neugierig, ob deine Mutmaßungen stimmen?“
„Nein, ich bin überhaupt nicht neugierig. Außerdem habe ich überhaupt keinen Grund mitzukommen. Schließlich ist die Asche jetzt da, wo sie zum Ausgleich für erlittene Strafen, Ungerechtigkeiten und Drohungen hingehört!“
„Sie gehört nicht dahin, wen sie da ist. Sie gehört nirgendwohin. Es hätte sie überhaupt nicht geben dürfen. Sie ist mein Bild!“
„Aber es gibt sie jetzt, die blaue Asche. Und sie wird immer blaue Asche bleiben und da bleiben, wo sie jetzt ist.“ „Natürlich wird sie nicht da bleiben, wo sie jetzt ist. Ich hole sie mir!“
Jetzt musste ich einen Pfeil aus meinem Köcher ziehen und zwar keinen Pfeil, dessen Spitze eine frage war. Diesmal musste es ein Warnschuss sein.
„Sie können diese Asche nicht holen. Sie wird sich nicht von der Stelle wegnehmen lassen, an der sie jetzt liegt!“
Thomas Müntzer lachte kurz und höhnisch auf.
„Und was glaubst du, wird die Asche tun, dass ich sie nicht mitnehmen kann?“
„Da gibt’s mehrere Möglichkeiten! Vielleicht fängt sie wieder zu glühen an, so dass Sie sie nicht mal mit einem Schüreisen oder einem anderen Werkzeug anfassen und aufheben können. Oder sie wird so stark aufgewirbelt, dass man sie nicht fassen kann.“
Und plötzlich schaffte er es doch sich umzudrehen und sich von seinem Standort loszureißen. Seine Bewegungen sahen aus wie die Bewegungen von Jan-Niklas, wenn er einen Anfall von Trotz hat. Als Münzer die Stufen heruntergegangen war und mitten unter der weißen Fläche stand, an der zuvor das Bild der Himmelskönigin gewesen war, drehte er sich noch einmal zu mir um und fauchte mit einem boshaften Ausdruck im Gesicht:
„Denk’ ja nicht, dass du ungeschoren davon kommst! Ich krieg’ dich klein! Das wirst du mir büßen! Und in dieser Sache mit deinem vermeintlichen blauen Wunder ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen!“
Als er das erste Wort gesagt hatte, war ich auf ihn zugegangen. Ich blieb etwa fünf Zentimeter vor ihm stehen und sah ihn mit einem durchdringenden Blick direkt in die Augen.
Und plötzlich fühlte ich Oma Isabels Anwesenheit so rein und frei wie nie zuvor. Und als er zu sprechen aufgehört hatte, konnte ich seine Gedanken lesen. „Ich mach’ dich augenblicklich kalt und fress’ dich mit Haut und Haar auf!“
Wenigstens gelang es ihm nicht mich augenblicklich kalt zu machen. Ich vermute, dass das an Oma Isabels Gegenwart lag. Doch der Gedanke, mich mit Haut und Haar auffressen zu wollen flog als ein heißer Funke auf mich zu. Ich weiß gar nicht, an welcher Stelle mich dieser Funke zuerst traf. Doch seine feurige Spitze traf mich so, dass sich augenblicklich eine Flamme über meine Haut und durch mich hindurch fraß. Aber, was hilft gegen Feuer, wenn kein Eis oder Wasser zur Hand ist? - Feuer hilft gegen Feuer! Meine Augen funkelten ihn an. Und ich ließ die Frage, die mir wie ein Blitz durch den Kopf schoss, wie einen feurigen Pfeil direkt auf ihn los. „Warum haben Sie ausgerechnet mich zum fressen gern?“
Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn die Frage war wie ein kleiner spitzer Nagel, der in einen voll aufgepumpten Fahrradreifen gestochen hatte, aus dem dann langsam aber unaufhaltsam Luft entwich. Münzer wurde natürlich immer blasser. Schließlich war ihm sofort irgendwie klar, dass er ertappt worden war, und dass er würde Farbe bekennen müssen.
„Lici Haechmanns, im Grunde bist du nichts weiter als eine verdammte frühreife Göre!“
ich ließ mir nicht anmerken, wie sehr ich mich darüber wunderte, dass er in seiner Kirche fluchte. Ruhig und direkt sah ich ihn an. Und das brachte Münzer dazu, langsam und widerwillig zu sprechen:
„Du willst wirklich wissen, was ich denke? Das sollst du haben! Man will sich doch sozusagen immer das einverleiben, was man selbst nicht hat. Und du hasst so verdammt viel, was ich nicht habe aber sehr gut gebrauchen könnte. Du bist intuitiv, spirituell, gefühlvoll und mental unheimlich stark und beweglich. Du bist geschwächt immer noch stärker als ich und mehrere deiner Feinde zusammen. Irgendetwas an dir ist unzerstörbar. Und du schaffst es, die Menschen in deiner Umgebung herauszufordern. In deiner Gegenwart zeigen alle ihre besten und schlechtesten Seiten. Dir entgeht kaum etwas!“ Und das alles wollen sie wirklich haben?“
Ich sah ihn prüfend an. Und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass er noch blasser werden konnte, als er schon war. Doch er sagte nichts.
„Das alles wollen Sie nicht, glauben Sie mir. Das ist viel zu viel als man gut ertragen kann.“ Er reagierte nicht.
„Aber Sie müssen ja nicht alles für sich behalten, können von jedem ein Bisschen nehmen, wenn Sie es schaffen mich kalt zu machen.“ Was meinst du denn jetzt damit?“
„Wenn Sie mich kalt gemacht haben, können Sie ja ein großes Fest für sich und meine anderen feinde, zum Beispiel für meine frommen Cousins und halben Onkel geben. Dann gibt’s Lici in Perúanischer Pfeffersoße für alle und so lang der Vorrat reicht! Dann haben alle so viel wie sie mögen und/oder brauchen!“
Er schnappte nach Luft wie ein fisch auf dem Trockenen. Aber jetzt konnte auch ich nicht mehr zurück und aufhören. „Lici Haechmanns, ich hab’ dir doch gesagt, dass du nicht sarkastisch werden sollst!“
„Was heißt hier sarkastisch werden? Ich bin schon lange oder immer sarkastisch. Ich kann nicht anders. Und wenn Sie mich kalt machen und fressen, kriegen Sie auch was von meinem Sarkasmus ab. Das kann ich dann nicht mehr verhindern!“ „Wer A sagt, muss auch B sagen, oder wie?“ japste er.
Ich nickte heftig.
Er japste. Und ich bekam irgendwie auch keine Luft mehr in St. , Marien. ich musste nach draußen, an die frische Luft, in einen Wald, ans Wasser oder auf ein freies Feld. Ich riss mich von der Stelle, an der ich stand, los und ging auf die Ausgangstür zu. Münzer hechtete mir nach und fasste mich an meinem Poncho. Ich schüttelte ihn so heftig als möglich ab, drehte mich noch einmal zu ihm um und fauchte: „Was wollen Sie denn noch von mir?“
„Wenn ich die Asche meines Bildes nicht selbst aufheben oder fangen kann, dann wirst du mir helfen, dass ich sie bekomme!“
Er musste die Worte mühevoll hervorstoßen hatte auf seinem Gesicht aber einen fordernden Gesichtsausdruck.
„Ich weiß gar nicht, ob ich Ihnen überhaupt helfen kann.. Aber selbst, wenn es geht, ich werde es nicht tun. Ich versuche das erst gar nicht. Dann wäre das mit dem Verbrennen des Bildes ja vollkommen vergeblich gewesen. Und ich mache sowieso nichts, was Oma Isabel schaden könnte. Schon deshalb nicht, weil es ja auch Terry und mir schaden würde, obwohl wir ja nicht direkt damit zu tun haben!“
Ich drehte mich abrupt wieder um und ging mit festen Schritten davon. Es hätte mich nicht gewundert, wenn meine Schritte Löcher in den Steinboden gerissen hätten. Münzer blieb zunächst wie angewurzelt stehen. Vor der Kirche angekommen, holte ich ein paar Mal tief Luft, bevor ich mich wie ein Raubtier umsah und mich in einem Gebüsch versteckte. Kurze Zeit später sah ich, wie Münzer aus der Kirche kam, in sein Auto stieg und davon fuhr. Gehetzt sah er aus. Und da er offensichtlich sehr nervös war, hatte er Schwierigkeiten die Autotür aufzuschließen. Und als er den Wagen anließ und zurück setzte, war mehrfach ein schöner Gruß vom Getriebe zu hören. Als sein weißer Mercedes außer Sicht war, kam ich aus meinem Versteck und setzte mich auf eine Bank. Die Sonne schien. Ein sanfter Wind wehte von Südwest. ich fühlte mich erschöpft und versuchte besonders ruhig zu atmen und Sonnenenergie zu tanken, um so gut als möglich wieder zu Kräften zu kommen.



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