50 Denkzettel zu den 50 vollendeten Jahresringen: 06. Im Gedenken an ….

Guten Tag Ihr Lieben,

es ist höchste Zeit weiterzumachen und zu schreiben. Dieser Artikel enthält die sechste Folge der Beitragsreihe 50 Denkzettel zu den 50 Jahresringen, die ich rund um meinen 50. Geburtstag geplant und im Dezember begonnen habe. Ursprünglich wollte ich diesen Post zur Würdigung der Menschen, die ich gekannt habe, und die bereits verstorben sind, fast zum Ende dieser Serie zu schreiben. Ich habe diesen Beitrag auch deshalb vorgezogen, da es vorigen Dienstag einen weiteren Todesfall in meinem Umfeld gegeben hat. Das ist auch der Grund dafür, dass am Sonntag positiv gedacht ausgefallen ist. Denn der Todesfall meiner Patin hat die vergangene Woche überschattet.

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)

50 Denkzettel zu den 50 vollendeten Jahresringen: 06. Im Gedenken an …

„Ein gutes Gedächtnis ist wie ein Sack. Es behält alles. Ein besseres Gedächtnis ist wie ein Sieb. Es behält, worauf es ankommt.“ Ich bemühe mich darum so vorzugehen, wie ich es eben beschrieben habe. Ich weiß leider nicht, wer diese klugen Sätze erfunden hat. Und das Zuträgliche, dass uns andere getan haben, gehört zu den Aspekten, auf die es ankommt, und aus diesem Grund sollte man es so gut als möglich behalten, ob die Menschen, die es uns gegeben haben, noch leben oder nicht. Wie gut es ist, immer noch Menschen um mich zu haben, die es verstehen Dinge zu tun und zu sagen, die mir helfen, die einfach da sind, davon handelt z. B. der Artikel:

https://texthaseonline.com/2015/12/01/50-denkzettel-zu-den-50-vollendeten-jahresringen-denkzettel-01-hurra-wir-leben-noch/.

Da es aber keineswegs selbstverständlich ist, Menschen zu kennen, die liebenswert und hilfsbereit sind, vermissen wir diejenigen, die von uns gegangen sind. Das ist auch deshalb natürlich, da niemand genauso ist, wie ein anderer Mensch. Und es ist auch natürlich, da wir begreifen müssen, dass das Leben und die Zusammenhänge zwischen Leben und Tod keineswegs funktionieren wie Garantiefälle. „Kaputt gibt eben nicht neu!“ Und selbst, wer an ein Leben nach dem Tod glaubt, sieht sich vor die Aufgabe gestellt, bis zu seinem eigenen Tode ohne seine Lieben sein zu müssen.

Ich vermisse Euch oft, Ihr Lieben, die Ihr von mir und anderen Menschen gegangen seid, und ich bin Euch dankbar für Eure Zuneigung!

Heidi, wir haben miteinander gespielt, wohnten zwei Häuser und ein Feld weit voneinander entfernt und im gleichen Alter, bis zu Deinem Tod Anfang August 1972, als Du aus dem Wasser nicht mehr herausgekommen bist und wenige Tage später nicht singen konntest: „Hurra, ich bin ein Schulkind und nicht mehr klein.“ Vor unserem Haus hielt ein Auto. Es war längst dunkel. Und mein Vater wurde wie alle Mitglieder der DLRG abgeholt, um nach Dir zu suchen.

Oma, es ist so schade, dass Du Dein Alter überhaupt nicht annehmen konntest. Großeltern und Enkel können es so schön miteinander haben! Und es ist traurig, wenn jemand sich selbst einen so bitteren Tot bereitet! Das Eingelegte für Kinder, Blumenkohl in holländischer Sauce, Kartoffeln und Spiegelei werden mir immer in guter Erinnerung bleiben.

Tante Elli und Tante Maria, es war immer schön mit Euch, wenn wir Euch besucht haben, mit Dir, Maria, schwimmen waren und mit Fell spielen durften..

Ma, Du bekommst noch einen weiteren eigenen Artikel. Ich bin Dir dankbar für alles, z. B. für die Erkenntnis, dass es verschiedene Arten von Neugier gibt, von denen eine Wissensdurst heißt und diese Bezeichnung wirklich verdient. Ich bin froh, dass wir uns in den 44 Jahren, die wir einander kannten, verständigen und versöhnen konnten.

Dad, herzlichen Dank für die zauberhaften und lehrreichen Geschichten, die Du beim Hüten erzählt hast. .. Und ich meine, was ich am Ende an Deinem Grab gesagt habe: „Irgendwann komme ich auch. Und ich will keine Klagen von der Ma mehr hören müssen.“ Nicht nur die Kinder brauchen Geduld, sondern auch die Ehefrauen, die für den Mann, die Viehwirtschaft, den Garten und die Kinder schuften.

Heike, herzlichen Dank für 25 Jahre Freundschaft bis zum Jahr 2003! Und ich hoffe, Du hast mich während der ganzen schweren Zeit als geduldig und treu erlebt, wie ich es gemeint habe.

Lotti, wir sind einander nicht oft begegnet. Du bist nur sieben Jahre alt geworden. Herzlichen Dank dafür, dass Du mich gekämmt und mir Deinen Elch gezeigt hast. Und ganz besonders herzlichen Dank für den geistigen Kontakt, den wir ab und zu haben!

Komm’ gut am letzten Bestimmungsort an, Tante Hannelore. Herzlichen Dank für jedes Wort, dass Du mir vorgelesen hast, für Deine praktische Hilfe und Deine Großzügigkeit für meine Mutter, Deinen Bruder, meine Geschwister und mich!

Jeder von Euch war so lebendig, dass die Erinnerung lebhaft war, ist und bleibt. Ich denke gern an Euch und fühle mich sehr wohl dabei, obwohl ich Euch auch vermisse. Mehr könnte ich an dieser Stelle sagen. Aber das brauche ich wohl nicht. Ich mag auch meinen Leserinnen und Lesern nicht die Sicht auf ihre Lieben versperren, indem ich detailversessen in Erinnerungen schwelge. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass ich es halte, wie ich es schon lange halte, dass ich ab und zu innehalte, um mich so genau als möglich an jeden von Euch zu erinnern.

50 Denkzettel zu den 50 vollendeten Jahresringen: Denkzettel 02: Alt wie ein Baum

Guten tag Ihr Lieben,

hier kommt der Artikel mit dem zweiten Denkzettel, den ich Euch und mir verpasse!
02. Alt wie ein Baum

Jeder einzelne Baum trägt schwere Lasten. In unseren Gefilden drückt ihn im Winter doch nicht allzu selten schwere Schneelast. Immer häufiger beuteln ihn Stürme und Starkregenfälle. Was die menschliche Zivilisation in die Luft bläst, verursacht bei Bäumen nach wie vor oft Atemnot, obwohl es zumindest den Bäumen in Nordrhein-Westfalen inzwischen wieder besser gehen soll. All das nötigt den Baum zu ausgewachsenem Angstwuchs. Und als Symbol für das Leben im Allgemeinen muss er auch noch die Wurzeln, den Stamm, die Äste und die Blättern oder Nadeln hinhalten. Er selbst hat nichts davon. Und vor all diesem Elend können sie nicht davon laufen. Und jetzt kommt auch noch diese Paula, die ursprünglich anders heißt, daher und gibt auch noch ihren ganz persönlichen Senf dazu. Sie meint es zwar gut. Aber das sagen sie alle. Und wer wüsste nicht, dass das Gegenteil von gut getan allzu oft gut gemeint ist. Objektiv betrachtet ist ihr Verhältnis zu den Bäumen von Sentimentalität geprägt. Das ist zwar eine vergleichsweise harmlose Haltung, hat aber noch nie einen Baum auf irgendeine Weise entlastet oder auf andere Art geholfen. Aber sie bleibt sich immerhin treu und belässt es bei einer schlichten Form der Gefühligkeit und dichtet sich nicht auch noch geschwollene Verse und Reime zusammen. Wie sie auf diesen Verzicht kommt, Könnt Ihr unter
https://texthaseonline.com/2012/12/20/ich-bin-dicht/ lesen.

Grob fahrlässig den Bäumen gegenüber handelt sie bezogen auf den Titel, den sie für diesen Beitrag gewählt hat. Denn es darf eigentlich nicht um einen Baum gehen. Denn viele einzelne Bäume säumten in den 50 Jahren ihres Lebens ihren Lebensweg. Das nicht jeder einzelne Baum in diesem Beitrag erwähnt werden kann, ist die einzige Entschuldigung, die zu ihrer Entlastung angeführt werden kann. Und auch ihre dankbare Haltung bezogen auf jede Begegnung mit einem oder mehreren Bäumen ist ein positiver Aspekt und zwar nicht nur, weil er zu der Paula passt. Jede einzelne Erinnerung an eine Begegnung mit Bäumen löst große Freude bei ihr aus. Das gilt in besonderer Weise für die Erinnerungen an Bäume, die in diesem Beitrag versammelt sind, die wie alles, was in dieser Beitragsserie steht, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Es gibt nicht nur viele Gedichte über Bäume. Auch das Liedgut ist von einem wahren Wald bevölkert. Das soll angeblich in besonderer Weise für den deutschsprachigen Raum gelten. Aber sei’s drum! Hier kommt der Text eines Liedes, das ich mindestens schon seit Beginn der achtziger Jahre kenne, und das wir als Jugendliche in der Blindenschule in Düren sehr oft gesungen haben, wenn der Pit da war und die Klavierbekleidung gespielt hat.
Puhdys
Dieser und andere Songtexte sind auf http://www.songtexte.de zu finden.
ALT WIE EIN BAUM SONGTEXT
Alt wie ein Baum möchte ich werden, Genau wie der Dichter es beschreibt.
Alt wie ein Baum mit einer Krone die weit, weit, weit, weit
Die weit Über Felder zeigt.
Alt wie ein Baum möchte ich werden
Mit Wurzeln, die nie ein Sturm bezwingt.
Alt wie Baum, der alle Jahre so weit, weit, weit, weit
Kindern nur Schatten bringt.
Alle meine Träume – yeah – fang ich damit ein- yeah – alle meine Träume – yeahyeah -Zwischen Himmel und Erde zu sein
Zwischen Himmel und Erde zu sein.
Alt wie ein Baum möchte ich werden, Genau wie der Dichter es beschreibt.
Alt wie ein Baum mit einer Krone die weit, weit, weit, weit
Die weit über Felder zeigt.
Alle meine Träume – yeah – fang ich damit ein- yeah – alle meine Träume – yeahyeah -Zwischen Himmel und Erde zu sein
Und hier könnt Ihr das Lied Hören
https://www.youtube.com/watch?v=lpipcap1R40.

Meine älteste Erinnerung bezogen auf Bäume geht in meine frühe Kindheit zurück. Im Alter zwischen zweieinhalb und fünf Jahren besuchte ich mit unserer Hündin Alma so oft als möglich eine Baumgruppe in unmittelbarer Nähe meines Elternhauses. Die Alma war eine schwarze mittelgroße Mischlingshündin, die meinem Vater viele Jahre als Hütehunden gedient hatte und ihren wohlverdienten Lebensabend in unserer Familie verbrachte. Sie war für mich eine große Freundin. Die Baumgruppe befand sich in Rufweite unseres Hauses. Man musste nur über den Hof, über einen schmalen Schottere und ein kleines Stück Wald gehen, um die Vierergruppe zu erreichen. Die Wurzeln der Bäume bildeten ein Quadrat, in dem Moos wuchs. Einer der Bäume hatte einen Stamm, der in Höhe von etwa einem Meter eine Krümmung aufwies, die fast 90 Grad betrug. Oberhalb des Winkels wuchs der Baum in einer leichten Steigung nach oben. An diesen Baum gelehnt habe ich oft ein Nickerchen gehalten, obwohl ich ja überzeugend behauptet habe, ich wäre schon so alt und groß, dass ich keinen Mittagsschlaf mehr brauchte. 😉 Und auch, wenn ich nicht schlief, was ebenfalls häufig vorkam, gab es keinen besseren Platz, um Wärme und Kraft zu tanken von Moos, Hund und Bäumen. Obwohl ich Bäume von je her liebe und gern in ihrer Nähe bin, wollte ich nie hoch hinaus und auf sie hinaufklettern. Aber den krummen Baum bin ich manchmal bis über den Winkel, den der Stamm bildete, hinaufgeklettert.

Anders als meine jüngste Schwester waren und sind Mut und Mut zur Höhe nicht meine Stärken. Meine Eltern haben übrigens für jeden von uns fünf einen Haselnussbaum gepflanzt. Ob sie noch alle leben? Schließlich wurden Haus und Hof im Oktober 2014 verkauft und umgestaltet. Auch mein Vater ist in Sevelen geboren wie wir und hatte einen Lebensbaum, den seine Eltern für ihn gepflanzt hatte. Aber vor allem meine Mutter liebte Pflanzen und auch Bäume.

Kastanien müssen erwähnt werden. Auf dem Gelände der Blindenschule Düren gab es eine Stelle mit drei Kastanienbäumen. In den Jahren von 1972 bis zum Herbst 1982 habe ich jedes Jahr Kastanien gesammelt und war verärgert darüber, dass doch eine beträchtliche Anzahl der Früchte auf die Dächer von zwei Wohnhäusern fiel und damit unerreichbar waren. Dieser bezaubernde Geruch bei den Bäumen, und der von den stacheligen Kugeln ausging, ist mir immer noch in Erinnerung geblieben und gibt diese charakteristische Restwärme, Erd- und Luftfeuchte ab, die Kraft und Hoffnung spendet. In den ersten Jahren haben wir immer so viele Kastanien gesammelt, dass die untere Schublade unserer Nachtschränkchen bis an den Rand gefüllt waren. Wir haben auch die typischen Bastelarbeiten gemacht. Aber der größte Teil beflügelte unsere Phantasie, wenn wir Mittagsruhe halten mussten oder aus einem anderen Grund auf unser Zimmer geschickt wurden. Ob ganz rund oder mit einer flachen Seite, jede Frucht gehörte für uns zum Zwergvolk der Kastanias, die über besondere Heilkräfte verfügten und für die anderen Völker, zum Beispiel für die Spangen und Schleifen sehr nützlich waren, auch weil sie sich unbemerkt in die hintersten Ecken rollen konnten, um zu spionieren. Und natürlich gehörten sie zu den Guten. Für ihren guten Ruf habe ich mich immer wieder gegen meine Freundinnen durchgesetzt, die es lieber gehabt hätten, wenn ihre Bürsten und Kämme die guten Geister gewesen wären.

Später habe ich mit den jüngeren Kindern aus meiner Gruppe Kastanien gesammelt. Im Jahr 1982 haben wir den Kofferraum des Kombis bis zum Rand mit Kastanien befüllt, denn die Kastanien waren als Dankeschön für den Tierpark bestimmt, in dem unsere drei Kleinen eine Extraführung bekommen hatten, um Reh, Wildschwein, Fuchs und Marder einmal ungestört hautnah kennenlernen zu dürfen.

Im Jahr 2003 kehrte ich an den Niederrhein zurück und ging jeden Tag von meinem Elternhaus zu meiner Wohnung im Dorfkern. An der Landstraße wachsen links und rechts Bäume. Und ich bin oft an einem der Bäume stehen geblieben, um mich anzulehnen und den Baum anzufassen. Dabei entdeckte ich einen Baum, der in guterreichbarer Höhe ein Loch in der Rinde hatte. Es war so tief, dass meine Faust genau hineinpasste. Vor allem auf dem Rückweg in meine Wohnung habe ich manchmal länger als zehn Minuten an diesem baum gestanden und meine linke Faust in das Loch gelegt. Beschwerden kamen nie! 😉 Aber immer tat das Innehalten und die Berührung gut.

Glaubt, fühlt und denkt, was Ihr wollt, wenn Ihr lest, worüber ich zu guter Letzt schreibe. In dem Winter, in dem der Sturm Kyrill in Deutschland wütete, konnten viele Bäume in meiner niederrheinischen Heimat nicht mehr stand halten. Um diese Zeit starb auch die Tochter meiner Cousine im Alter von nur sieben Jahren. Das war Anfang Januar. Sie hatten uns immer besuchen wollen, auch weil die kleine Lotti wie meine Mutter besonders naturverbunden war. Und obwohl wir keinen regelmäßigen Kontakt miteinander hatten, habe ich im Winter und im Frühling des Jahres 2007 ganz oft, während ich die alle an der Landstraße entlang ging, daran gedacht, wie sehr ich es bedauere, dass Charlotte die Baumreihen und den See hinter der einen Straßenseite niemals kennengelernt hat. Ich hatte ab und zu sogar den Eindruck, dass sie neben mir herginge. Der Sturm hatte aber nicht nur ganze Bäume umgerissen, sondern auch große Äste gelockert. Und als ich an einem frühen Nachmittag auf dem Heimweg war, hatte ich wieder einmal den Eindruck, als ob das Kind bei mir wäre, und als ob es plötzlich stehen blieb. Aber auch ein Baum, der eine Armeslänge vor mir stand, schien sich als Sperre zur Seite zu legen. Dabei verlor er nur einen großen Ast, der von Kyrill gelockert worden war, ohne dass sich in diesem Augenblick auch nur ein Lüftchen regte. Nicht zutiefst erschrocken, aber verdutzt und sofort auch erleichtert, blieb ich stehen, und der Ast fiel krachend vor mir auf den Boden.

Was ich übrigens auch gerne tue, ist, mich unter einen Baum setzen und lesen. In der Weihnachtszeit fand ich es immer ärgerlich, dass wir uns dem Baum, nachdem er geschmückt worden war, nur noch nähern durften, um die Kartons mit den Geschenken darunter hervorzuholen. Dabei blieb der Baum immer bis zum sechsten Januar. Obwohl unser Garten sehr klein ist, gibt es in ihm Gott sei dank zwei Bäume. Die warme Lesezeit kann also dann auch wieder kommen! 😉

Mögen viele Bäume Euren Lebensweg säumen!

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)

50 Denkzettel zu den 50 vollendeten Jahresringen: Denkzettel 01: Hurra, wir leben noch

Guten Tag Ihr Lieben,

hier gebe ich Euch und mir den ersten von 50 Denkzetteln, wie ich es vor einer Woche geschrieben habe. Mir kommt es so vor, als ob ich den richtigen Ton zwischen Gedanken und Erleben noch nicht gefunden habe. Aber vielleicht ist doch etwas dabei, was Euch zum Denken inspiriert und so!

Liebe Grüße

Christiane (Paula Grimm bei Texthase Online)
01. Hurra, wir leben noch
Der Titel des Artikels und des gleichnamigen Liedes klingt überschwänglich. Und wer mich schon ein Bisschen kennt, wird sich fragen, was diese Überschwänglichkeit, die eigentlich gar nicht meine Art ist, plötzlich soll. Denn es ist wahr, ich strotze überhaupt nicht vor Euphorie. Und dennoch kommt die Freude darüber, dass ich noch lebe, aus tiefstem Herzen und entspricht meiner ebenfalls tiefverwurzelten Überzeugung, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass ich lebe und am 24. Dezember bereits den 50. Jahresring vollende. Diese Jahreszahl bedeutet für mich mindestens 50 gute Gründe zu haben, inne zu halten, um die Aspekte meines Lebens zu sortieren und zu zeigen, wo und wie ich im Leben stehe, wohin es für mich noch gehen kann.

Die altersstatistiken geben mir nicht unbedingt recht. Denn Frauen werden heutzutage statistisch gesehen etwa 80 Jahre alt. Kommen mir Gedanken über Leben und Tot deshalb 30 Jahre zu früh? Dass ich lebe, ist ein Wunder. Das meine ich so eindeutig, wie ich es hier schreibe. Selbst auf die Gefahr hin, dass manche Leserinnen und Leser das für eine Übertreibung halten. Denn ich habe mehr als einen „Strahlenangriff“ in der Frühschwangerschaft überlebt. Alpha-, Betha- und Gammastrahlen sind vor allem für ungeborene Kinder lebensgefährlich. Strahlungen können in das Erbgut des Menschen eingreifen und damit nicht nur Schäden bei den Nachkommen verursachen. Sie bergen ein erhöhtes Krebsrisiko. Und es ist nicht übertrieben, dass ich mit diesem Thema auf besondere Art lebenslänglich habe. Und das Thema Krebs ist für mich auch in anderer Hinsicht ein dominantes Thema, da ich diejenigen Menschen aus meinem Umfeld, die an einer Krebserkrankung verstorben sind, nicht mehr an den Fingern meiner Hände abzählen kann. ihnen und anderen, die bereits verstorben sind, ist ein eigener Denkzettel gewidmet.

„Was mussten wir nicht alles überstehen?“ Das wird im Lied mehrfach gefragt. Und eine der zahlreichen Antworten ist, dass wir überstanden haben, wie Menschen von uns gegangen sind. Und einige hatten einen schweren letzten Weg. Warum nutze ich aber das Wort wir aus dem Songtext überhaupt? Noch sind Menschen da, die viele Aspekte meines Lebens teilen, wofür ich mehr als einfach nur dankbar bin. Ich darf mit meinen drei Geschwistern zusammen leben. Wir haben gemeinsam viel überstanden, Die Todesfälle unserer Eltern im Jahr 2010 und 2014 gehören dazu. Mir begegnen nach wie vor oft freundliche und zugewandte Menschen, was nicht selbstverständlich ist. Darunter sind sicherlich viele, die im Leben bereits viel überstanden haben. Und mir sind einige gute und treue Freunde geblieben, die mir viel Freude bereiten und mir Mut machen und mir helfen leben und auch verlieren zu lernen. Denn viele Menschen verliert man nicht durch den Tot, sondern im Leben. Auch diese Trennungen muss man überstehen lernen. Man muss lernen sich zu Irrtümern zu bekennen und sich nicht alles gefallen zu lassen. Viele Illusionen wurden zerstört. Und damit sind nicht nur politische Aspekte gemeint. Aber jetzt möchte ich näher auf das genannte Lied beziehen und mich einfach vom Text zu einigen kurzen Gedanken inspirieren lassen. Zu alledem gibt es natürlich noch viel mehr zu schreiben.

Es ist bestimmt schon 30 Jahre her, dass ich dieses Lied kennen und lieben gelernt habe. Und ich höre gerade dieses Lied in der Interpretation von Milka nach wie vor immer wider gern. Manche werden das Stück als Mutmachlied für Erwachsene verschmähen. Ich gebe zu, dass ich gar nicht so selten Texte brauche, die mir Mut machen. Und besonders gern lasse ich mich von gestandenen Frauen wie Milva ermutigen.

Inzwischen gibt es dieses Lied auf unterschiedlichen CDs der italienischen Schauspielerin. In meiner CDSammlung habe ich das Album Gesichter einer Frau, das ich vor mehr als 30 Jahren als LP gekauft hatte und später als silbernes Scheibchen geschenkt bekommen habe. In einer Liveversion könnt Ihr das Lied unter
http://www.myvideo.de/musik/milva/hurra-wir-leben-noch-video-m-7718843 kostenfrei hören.

HURRA, WIR LEBEN NOCH SONGTEXT
„Wie stark ist der Mensch? Wie stark?
Wie viel Ängste wie viel Druck kann er ertragen?
Ist er überhaupt so stark wie er oft glaubt?
Wer kann das sagen?“
Es ist gut, sich diese Fragen häufiger zu stellen. Und das gilt vor allem, weil es keine abschließenden einfachen Antworten darauf gibt. Mich erinnert die Tatsache, das kein Mensch, den ich je kennen gelernt habe, immer gleich stark ist, was ich als eine Mahnung verstehe. Wir können so viele Schlachten des Lebens überstehen, eine wird die Letzte sein. Und keiner von uns wirklich genau, welche die letzte große Aufgabe sein wird. Wir wissen von uns selbst oft nicht, wie stark oder schwach wir sind. Und wir können es erst recht nicht von unseren Mitmenschen wissen. Als Kind und Jugendliche ist es mir zumindest manchmal gelungen stark zu erscheinen und andere Menschen wie Schwächlinge dastehen zu lassen. Diese Energieverschwendung habe ich wenigstens stark einschränken können. Geblieben ist, dass ich keine Angst und Schwäche zeigen will. In den Jahren 1988 bis 1990 bin ich im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde gewesen, sodass ich nie geglaubt hätte das zu überstehen. Auch über Lebens- und Schaffenskrisen werde ich Euch und mir einen eigenen Denkzettel verpassen. Mich hat jemand bei der Hand genommen. Und ich weiß, dass stimmt: „Ich kann dich an die Hand nehmen, aber laufen musst du selbst!“ Ich bin froh darüber, dass mir in meinem Leben häufiger Menschen die Hand gereicht haben, um mir aufzuhelfen und mich zu stützen. Aber ich werde mich nie daran gewöhnen, dass man Menschen oft nicht die Kraft geben kann, die sie brauchen, dass man geliebten Menschen nicht alle Ängste nehmen kann. Es gilt leider nur bedingt, dass das, was uns nicht tötet, hart mach. Es bleiben Narben, die teilweise auch offensichtlich sind.

„Hurra! Wir leben noch!
Was mussten wir nicht alles überstehn?
Und leben noch!
Was ließen wir nicht über uns ergehen?
Der blaue Fleck auf unsrer Seele geht schon wieder weg
Wir leben noch
Hurra! Wir leben noch!
Nach jeder Ebbe kommt doch eine Flut
Wir leben noch
Gibt uns denn dies Gefühl nicht neuen Mut und Zuversicht
so selbstverständlich ist das nicht
wir leben noch“
In einer Sache widerspreche ich. Denn ich habe nicht nur erlebt, dass ich blaue Flecke auf der Seele zugezogen habe, die nach einiger Zeit weggehen. Das Bild gefällt mir zwar recht gut. Aber es gibt auch richtig dicke Narben, die wahrscheinlich auf jeder Menschenseele hinterlassen werden. Und Narben sind kein gesundes Gewebe mehr. Sie verursachen immer wieder Schmerzen und die stelle bleibt empfindlich und leicht angreifbar.

Dass uns nach schwerer Zeit immer wieder neue Kraft, Freundlichkeit und vieles mehr zufließt, macht wirklich Mut und Zuversicht. Ich geselle dem Mut und der Zuversicht in Gedanken eines meiner Lieblingsworte zu, Hoffnung, obwohl die Hoffnung bestimmt in der Meinung vieler Menschen der Zuversicht zum Verwechseln ähnlich sieht. Und da ich mein Leben, wie es im Refrain des Textes heißt, keineswegs als eine Selbstverständlichkeit begreife, werde ich einen Denkzettel darüber schreiben, warum nichts selbstverständlich ist.
„Wie stark ist der Mensch? Wie stark?
In der Not hilft weder Zorn noch lammentieren.
Wer aus lauter Wut verzagt und nichts mehr tut,
der wird verlieren.

Als Kind war ich ein richtiger Jammerlappen. Und ich habe erschreckend viel Stärke eingebüßt durch Jammerei. Da ist es kein Trost, seltener jähzornig gewesen zu sein und nicht zu Wutausbrüchen zu neigen. Leidensfähigkeit und Zorn sind wichtig. Wie gefährlich es ist, Leid zu unterdrücken ist gefährlich. Beides frisst einen auf. Die Bibel kennt den gerechten Zorn, z. B. im Brief an die Epheser Kapitel 4: „26Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen. 27Gebt dem Teufel keinen Raum!“ Heutzutage kann man das wohl so zusammenfassen: „Ordentlich Luft holen, sich sammeln und dann aber unverzüglich sagen, was Sache ist.“ Und für das Leid, das eigene und das Fremde gilt es ähnlich. „Innehalten, sich sammeln und was tun mit Taten und guten Worten.“ Da könnte man ja gleich wieder anfangen zu jammern, da man mit diesen Lektionen lebenslänglich zu tun hat. Da wird uns verdammt viel zugemutet, um zu lernen, was uns in der Not hilft. Wir wissen intuitiv, dass das richtig für uns ist, dass es uns hilft. Also kann man auch sagen, uns wird, ob wir religiös sind oder nicht, eine lebenslange Entwicklung zugetraut. Trauen wir uns das aber auch wirklich selbst zu? Ich habe immer noch Probleme damit
„Hurra! Wir leben noch!
Was mussten wir nicht alles überstehn
und leben noch
Was ließen wir nicht über uns ergehn
Ach einerlei, der Kelch ging noch einmal an uns vorbei
Wir leben noch“
Auch das Bild mit dem Kelch, das sich ebenfalls auf die Bibel beziehen lässt, gefällt mir sehr gut. Und ich muss spontan an etwas denken, was ein befreundeter Pfarrer oft gesagt hat: „Wir kommen alle an die Reihe aber drängeln gilt nicht!“ Und weil ich weiß, dass es für alles ein letztes Mal gibt, genieße ich inzwischen, ohne Nahrung, Luft und Wasser, die ich zum Leben brauche selbstverständlich zu nehmen oder wie früher als Pflicht zu empfinden. „Man muss essen und vor allem, was auf den Tisch kommt!“ 😉

„Hurra! Wir leben noch!
Nach jeder Ebbe kommt doch eine Flut
Wir leben noch
Gibt uns denn dies Gefühl nicht neuen Mut und Zuversicht
So selbstverständlich ist das nicht
Wir leben noch

Hurra! Wir leben noch nach all dem Dunkel
Sehen wir wieder Licht
Wir leben noch
Der Satz bekam ein anderes Gewicht
So schlimm es ist
Es hilft, wenn man das nie vergisst
Wir leben noch
Wir leben.“
Ein anderes Gewicht bekommt der Satz Hurra, wir leben noch, da immer mehr liebe Menschen von einem gehen, die Narben auf der Seele immer mehr werden, was empfindlicher macht und schwächt, die Kraft allmählich nachlässt. Mir macht es übrigens gar nichts aus, dass im Liedtext visuelle Phänomene bemüht werden, um zu zeigen, wie gut es ist, dass wir Angst, Wut, Verzweiflung, Schmerz etc. überstehen. Denn so wie Dunkelheit überstanden wird, haben wir auch Eiseskälte über standen. Und so wie man Licht sieht, spüren wir doch auch viel Wärme. Fühlt Euch an die Hand genommen und gewärmt, wo und wann es geht und genießt, was sich Euch bietet! Hurra, wir leben noch! Ich freue mich, dass Ihr da seid!

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